Schinkel, Karl Friedrich
Sammlung architektonischer Entwürfe: enthaltend theils Werke welche ausgeführt sind theils Gegenstände deren Ausführung beabsichtigt wurde (Text) — Berlin, 1858

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Blatt 1. 2. 3. 4.

Zwei Entwürfe zu einem neuen Wachtgebäude in Berlin.

.Blatt 1. Perspectivische Ansicht eines früheren Entwurfs zum neuen Wacht-
gebäude in Berlin. Der Plan desselben ist ganz dem später zur Ausführung gewählten
gleich; die äufsere Form aber ist einfacher angenommen. Statt der Säulen stehen
viereckige Pfeiler, über jedem deutet der Kopf eines Kriegers in einem Clypeus
den nach der Tiefe hineingehenden Steinbalken an. Die Eckthürme sind mit Tro-
phäen gekrönt, welche in Kupfer getrieben werden sollten.

Blatt 2. Die perspectivische Ansicht des ausgeführten neuen Wachtgebäu-
des in Berlin.

Blatt 3. Die an dem Wachtgebäude befindlichen Sculpturen.

Blatt 4. Im obern Theile des Blattes die geometrische Ansicht des Gebäudes,
der Grundrifs und die einzelnen Theile der Architektur.

Der Plan dieses, ringsum ganz freiliegenden Gebäudes ist einem römischen
Castrum ungefähr nachgeformt, deshalb die vier festeren Eckthürme und der in-
nere Hof. Letzterer ist nützlich, um die Oekonomie gegen den ringsum laufenden
Platz zu verbergen, auch nimmt er den Abfall sämmtlichcr Bedachungen auf, und
führt das Piegenwasser von den Dächern unmittelbar in den, unter dem Gebäude
fortlaufenden, überwölbten Kanal. Das Aeufsere des Gebäudes gewinnt durch die
Einrichtung der im Hofe verborgenen Dächer an Form. Der vorne angebrachte
Porticus, auf 10 freien Säulen und den damit in Verbindung stehenden Wand-
pfeilern ruhend, ist aus sächsischem Sandstein construirt, die Architrave bestehen
aus Steinblöcken, die von einer Säule zur andern reichen, und die viereckigen Cas-
setten zwischen denselben sind ebenfalls mit Steinplatten bedeckt. In dem auf
Blatt 4. angegebenen Grundrisse ist der grofse Piaum Jl die Wachtstube, B die
Officierstube, C ein Arrestzimmer. D und die übrigen Fiäume haben ökonomische
Bestimmungen.

Hechts neben dem erwähnten Grundrifs ist das Capital und das Hauptgesims
in gröfserem Maafsstabe angegeben, dazu gehört das unter dem Grundrifs gezeich-
nete Wandpfeiler- Capital.

Links ist das Hauptgesims des ganzen Gebäudes mit seiner Attica nach
gröfserem Maafsstabe aufgetragen.

Die Sculptur im Giebel, auf Blatt 1., stellt einen Kampf dar, eine Victoria
entscheidet in der Mitte für den rechts kämpfenden Helden, links ist dargestellt:
letzte Anstrengung, Aufmunterung zum Kampfe, Flucht, Raub, und Schmerz der
Familie, die ihr Schicksal erwartet; rechts sieht man Uebcrwältigung und Trauer
um einen gefallenen Helden. Der Fries ist mit Victorien geziert, die über jeder
Säule statt der Triglyphen den Steinbalken andeuten.

Der Bau des Gebäudes ward im Jahr 1817 begonnen und 1818 vollendet.
Auf der perspectivischen Ansicht sind die beiden kolossalen Marmor-Statuen der
Generale Scharnhorst und Bülow angedeutet, welche Se. Majestät der König
durch den Professor Rauch arbeiten liefs, und welche im Jahr 1822 aufgerichtet
wurden.

Blatt 5.

Entwurf zum Anbau des Rathhauses in Berlin.

Die perspectivische Ansicht eines Entwurfs zum Anbau des Rathhauses in
Berlin, welcher seit dem Jahr 1817 in Anregung ist. Auf Blatt 4. ist unterhalb der
Grundrifs des dritten Geschosses dazu angegeben, in welchem alles Schwarz-ange-
legte alte, alles Grau-angelegte neue Mauer bezeichnet. Die Veranlassung zu diesem
Bau-Project. gab die Baufälligkeit des alten Thurms an der Ecke der Königsstrafse
und der darunter befindlichen Gewölbe, so wie die längst gewünschte Abstellung
der sehr beengten Königsstrafse, in welche dieser, alte Theil des Gebäudes bedeu-
tend hineintritt. Bei dem Project ward zur Bedingung gemacht, möglichst wenig
von dem alten Gebäude niederzureifsen. Ein glücklicher Zufall war es, dafs die
Fenstereintheilung an dem in der Königsstrafse stehenden Theil des alten Gebäudes
mit der des in der Spandauerstrafse stehenden ziemlich gleich befunden wurde, so
dafs eine Uebereinstimmung dieser Farade erreicht und das jetzt ganz zerstückte

Gebäude zu einem Ganzen umgeformt werden konnte. Es ward hierdurch nur
der Anbau einer neuen Mitte nöthig; damit dieser nun zwischen den beiden, einen
Winkel bildenden, Flügeln um so mehr verbindend wirken möchte, ward die Ecke
abgestumpft und an dieser abgestumpften Seite das Portal des Gebäudes angelegt,
durch welches man im untern Geschofs von Jl nach B zu auf eine neue, sehr
bequeme und ganz feuerfeste massive Treppenanlage gelangt, welche dem alten
Gebäude ganz fehlt. Die perspectivische Ansicht giebt unterhalb eine kleine Durch-
sicht auf diese Treppe, welche im Grundrifs deutlicher angegeben ist; der Flur bis
zur Treppe hin kann auf letzterem, wegen des Saales D, welcher über demselben
sowohl in dem dritten Geschofs als im zweiten liegt, nicht ganz sichtbar werden,
es bleibt demnach nur der kleine Vorflur C der Treppe sichtbar, dessen Form, so
wie die der Treppe, in jedem Geschofs dieselbe ist. Die Treppe fängt einarmig
an und theilt sich nach den beiden Flügeln hin doppelarmig. An dieser stumpfen
neugebauten Ecke entsteht in jedem Geschofs ein sechseckiger Saal D mit zwei
Cabineten -EE zur Seite. Im dritten Geschofs ist auf der Seite der Königsstrafse
ein grofser Bürgersaal F eingerichtet, in welchem die Feueressen, welche aus der
unteren doppelten Zimmerreihe hinaufgeführt sind, regelmäßig als Mittelpfeiler zu-
sammengezogen wurden, und hier, durch volle Pfeiler verstärkt, den Unterzug für
die Balkenlage des Saales unterstützen. Die abgestumpfte Ecke giebt noch den
Vortheil eines geräumigen Platzes vor dem Gebäude, welcher bei der Lebhaftigkeit
der Gegend hier sehr wünschenswerth ist. Das Aeufsere ist in einem festen aller-
thümlichen Charakter gehalten, die Mitte hat durch zwei Seitenthürme, welche die
hier gewünschten Uhren tragen sollen, etwas Burgartiges. Ein starkes Gesims mit
Zinnen krönt die Facade, und die Mitte ist durch einen breiten, aus Gufseisen
construirten Altan über dem Portal noch mehr herausgehoben.

Blatt 6.

Entwurf zu einem öffentlichen Brunnen in Berlin.

Der Entwurf zu einem Monumente, wozu der Auftrag gleich nach dem
Kriege im Jahr 1814 durch eine Corporation von Ständen gegeben wurde, welches
aber späterhin so allgemein aufgefafst ward, dafs auch das Jahr 1815, in welchem
der Krieg unverhofft wieder anfing und glücklich beendigt wurde, mit aufgenom-
men werden konnte. Um das Lebendige der Anlage zu erhöhen, war der Gedanke:
einen öffentlichen Brunnen mit einem stets ausströmenden Wasser damit zu ver-
binden, wozu die Wasserkunst des Schlosses und dessen Höhe für einen grofsen
Wasserbehälter benutzt werden sollte. Deshalb war das Monument vor dem Schlofs-
portal, der breiten Strafse gegenüber, auf der Mitte des Schlofsplatzes errichtet ge-
dacht, wo es zugleich hinreichend umschlofsen war, um durch zu grofse Weiten
nicht den Charakter der Kolossalität zu verlieren.

Die Sculpturen, in Bronze gegossen, ruhen auf einem Fufse von Granit,
aus welcher letzten Masse auch die Wasserbecken gearbeitet sein sollen. In der
Mitte thront in kolossaler Grofse der Genius Preufsens, dargestellt mit aufgehobe-
nem Schwerdte, als stets wachsam für die Erhaltung seines Kriegsruhmes. Am
Fufse des Thrones liegen die vier Gruppen: die Wissenschaft und die Kriegskunst,
die Religion und die schöne Kunst, das Gesetz und die Freiheit, der Ackerbau und
der Handel. Zwischen je zweien dieser Figuren stürzt, das Wasser aus Delphinen
hervor und theilt dadurch das darunter befindliche grofse, mit Basreliefs versehene
Podium in vier Theile. Auf diesem ist vorgestellt: 1) der Aufruf zum Kampfe;
2) der Kampf selbst; 3) die siegreiche Heimkehr; 4) die Früchte des Sieges im
Frieden. Ueber der Mitte eines jeden dieser vier Theile steht zwischen den oben
erwähnten Gruppen ein kleiner Genius mit einer Inschrifttafel in Beziehung des
darunter befindlichen Gegenstandes. So stehen z. B. auf der Tafel desjenigen,
welcher über der Vorstellung des Aufrufs zum Kampfe angebracht ist, dieselben
Worte des Aufrufs, welche der König im Jahr 1813 ergehen liefs. Noch andere
Inschrifttafeln, mit Figuren geziert, theilen unter jedem Wasserfall die Basreliefs
selbst. Eine Hauptinschrift läuft an dem Gesimskranz über den Basreliefs um
das Ganze.

Blatt 7. 8. 9. lO. 11. 12. 13. 14. 15. 16. 19. 18.

Das neue Schauspielhaus in Berlin.

Das Urtheil über ein Bauwerk von bedeutendem Umfange erhält erst dann
einen festen Grund, wenn man die Uebersicht der Bedingungen hat, aus denen die
inneren und äufseren Formen hervorgegangen sind. Für die vorliegenden Pläne
des neuen Schauspielhauses in Berlin halte ich, an diesem Orte, die Aufzählung
dieser Bedingungen um so nöthiger, als wohl selten bei einem Bauwerke deren
so viele und so verwickelte zusammentreten können. Am fertigen Werke glauben
viele sich berufen, nach dunklem und einseitigem Gefühl das Einzelne ändern zu
können, weil Unwissenheit und Mangel an Fähigkeit, ein vielfach und verschieden-
artig Gegebenes auf Einheit zu bringen, sie gegen die Zerstörungen blind macht,
welche diese Aenderungen in den Zusammenhang des Ganzen bringen würden.
Je einfacher die Aufgabe für die zunächst in die Augen fallenden äufseren Formen,
bei einem sehr verwickelten Werke, gelöst ist, um so weniger wird in der Regel,
vom grofsen Haufen, der künstlerische Wcrth erkannt, der gerade hierin zu
suchen ist.

Zuvörderst waren für das neue Schauspielhaus in Berlin folgende räumliche
Verhältnisse gegeben:

1) Drei Strafsen, die Charlottenstrafse auf der Seite 17/ (Blatt 9. Grundrisse),
die Jägerstrafse auf der Seite GH, die Taubenstrafse auf der Seite IK,
schliefsen den Bauplatz so ein, dafs keine Erweiterung möglich ist. Die Seite
KG liegt gegen den Platz; hier war zwar eine Erweiterung zulässig, jedoch
wurde dieser eine Grenze gesetzt durch die zu beiden Seiten des Platzes
liegenden Peristyle der Kirchen, gegen welche das Peristyl des Schauspiel-
hauses nicht vortreten durfte

2) Die Benutzung der aus dem Brande übrig gebliebenen Mauern des vor-
maligen Theaters wurde anbefohlen. Nach einer Untersuchung waren
davon brauchbar: die Fundamente unter den Umfassungsmauern von IT,
Uli, IIG, IK, KO, QG, und die Theile des Unterbaues IK und GH
auf etwa 12 bis 16 Fufs über der Erde.

In den durch diese Verhältnisse bestimmten Raum mufsten nachstehende
Haupttheile, höherer Bestimmung zufolge, so hineingepafst und geordnet werden,
dafs ein architektonisches Ganze, mit einem den Bestimmungen entsprechenden, und
für die Umgebungen des Platzes schicklichen Charakter, daraus hervorgehen sollte:

Erstens, das Theater mit der Scenerie in einer mäfsigen Grofse, um vor-
züglich für das Drama geeignet zu sein, aus welchem Grunde die Weite des Pro-
sceniums auf 36 Fufs, Allerhöchsten Orts, festgestellt wurde. Da zugleich auch die
kleinere Oper hier stattfinden sollte, so ward die Scenerie in der Vollkommenheit
und mit allen den Vortheilen verlangt, wodurch die Aufführung von reich ausge-
statteten Stücken in jeder Art erleichtert wird. Bedeutende Höhe über der Scene
und Tiefe unter derselben folgten hieraus. Geräumige und sichere Vorplätze mit
getrennten Eingängen für die Fufsgängcr und die Wagen, für die letzteren die
Vorrichtung, um in bedecktem Räume aussteigen zu können, wurden wünschens-
werth gefunden.

Zweitens, die Magazine für Decorationen, für das Lampenöl und für die
Utensilien aller Art in feuersicheren Räumen.

Drittens, die. Werkstätte der Theatermaler, der Zimmerleute und Tischler,
welche an den Decorationen arbeiten.

Viertens, das Local für die Garderobe, die Ankleidezimmer, die Uebungs-
und Probe-Säle, alle diese Bestimmungen so grofs angenommen, dafs, bei dem be-
schränkten Raum im Opernhause, diese Locale für die dortigen Aufführungen mit
benutzt werden könnten.

Fünftens, Fiestaurations-Säle und Foyers.

Secnstens, das Fest- und Concert-Local, mit den dazu gehörigen besonderen
Eingängen, Vestibülen, Treppen, Vorsälen, Restaurations-Sälen, Zimmern zur Ver-
sammlung der Musiker und Aufbewahrung der Musikalien, mit den nöthigen Küchen
und Kellereien.

Siebentens endlich, die Wohnung des Castellans, die feuersicheren Räume

für Wasserhebe-Maschine und Pieservoirs, für die Feuerungen, um sämmtliche

grofse Räume des Gebäudes zu heizen etc.

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