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Seyler, Gustav A. [Oth.]; Siebmacher, Johann [Bibliogr. antecedent]
J. Siebmacher's großes und allgemeines Wappenbuch: in einer neuen, vollständig geordneten u. reich verm. Aufl. mit heraldischen und historisch-genealogischen Erläuterungen (Band 1,1): Wappen der deutschen Souveraine und Lande — Nürnberg, 1856

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https://doi.org/10.11588/diglit.27908#0015
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|eralbifd)E, genealogifdje ants l)iflorifd)e Crlänternngen.

Das lieilige römisclie Meicli.

Tafel 1.

Das tausendjährige deutsche Reich hat 1806 durch
einen gewaitsamen Stoss von Aussen geendet. Nichts-
destoweniger giaubt der Yerfasser an die Spize seines
dentschen Wappenwerks noch heutzutage die Wappen des
ehemaligen heiligen römischen Reichs und seiner Säulen,
der Kurfiirsten , als den Grundausdruck deutscher Grösse
und Einheit sezen zu dürfen. Er hat auch deshalb die
Zeit gewählt, in der Deutschland den höchsten Punkt seiner
Macht behauptete , die Zeit der sieben Kurfürsten.

Ueber das Wappen des heiligen römischen
Reichs ist viel geschrieben worden. Gatterer, v. Lude-
wig, Pfeffinger, vorziiglich Samuel Oetter haben ver-
schiedene Meinungen geäussert und begründet: in denen
allen war der streitige Hauptpunkt: der Ursprung des
doppelten Rei ch sad 1 ers. Roemer in Frankfurt sagt
fin seinen Siegein der deutschen Kaiser, Frankfurt 1851)
dass der, gewöhnlich als erstes Reispiei des Vorkommens auf-
gefiihrte, doppelte Adler auf einem Siegel Kaiser Wenzel’s
nicht der deutsche Reichsadler, sondern die vereinigten
schiesischen und brandenburgischen Adler wären, dagegen
erst Kaiser Sigismund den eigentlichen doppelten
Reichsadler mit den Scheinen zu fiihren begonnen habe. *)
Von da an galt dieser # doppelte Adler in g. Feld
fiir das Sinnbild des heiligen römisch - deutschen Reichs.
Die g. Scheine um die Köpfe der Adler deuten auf die Be-
zeiciinung heilig. Gleichzeitige Schriftsteller erklären
auch, dass der doppelte Adler erst dann von einem Kai-
ser geführt worden, wenn dieser zu Rom vom Papste
gekrönt war, und dass erst bei der Riickkehr aus St.
Peters-Dom auf der Tiberbriicke das Panier mit denr
doppelten Adler entfaltet worden sei, obwohl schon
Kaiser Max I. davon eine Ausnahme machte.

Konrad Grünenberg, ein seiner Zeit bekannter Heral-
diker, hat in seinem Konstanzer Wappenbuch noch zwei
Bemerkungen, die ich curiositatis causa hiehersezen tvill-,
die eine: »ze wissen, welicher kayser das Reich mehrt
mit ainem oder mer königreich, dass er sein wappen also
fueren mag mit dreyen haubten«, die andere: »Item
welicher kayser gewunn das heilig grab vnd dasselb heilig
landt hierusalem, der raacht sein wappen vnd panner wider
(verkehrt die Farben), der Adler, vor schwartz, mit
dreyen haubten , tvas also gu 1 d en verkehrt an der wieder-
fahrt tzu ainem zaichen grosser freuden vnd sigs, auch
tzu ainer ewigen gedechtnuss.« Es lassen sich jedoch

*) Dass das Bild des Doppeladlers jedocli viel älter sei als die
Zeiten in denen es zum Reiehswappen aufgenommen worden, bewei-
sen mehrere Beispiele von Siegeln und Wappen. So kommt sehon
I. J. 1U02 ein Doppeladler wactisend in den Wappen der Bnrggrafen
von Wiirzburg vor (siehe unten bei Sachsen, resp. Henneberg-Sehleu-
singen). Ferner im J. 1276 in derselben Weise auf einem Siegel dcs
Henricus de Rode (Fahne, Geschichte der rhein. Geschlechter I. tab.
3.) nnd was noch auffallender erscheint: es fiihrte selbst ein itaiieni-
scher Fürst, Fiiippo conte di Savoia i. J. 1278 den förmlichen Dop-
peladler auf Schild nnd Pferddecke (Cibrario, Sigilli de Principi di
Savoia tab. 6.). Vom Jahre 1378 habe ich auch ein Vikariatssiegel
«tes Erzbischofs und Kurfürsten zu Köln gesehen, das einen Doppel-
adler iu eincm anfdem kölnischen Schild aufgelegten Hcrzschilde zeigte.

Bd. I. Abth. 1.

für diese beiden Angaben keine geschichtlichen Nachweise
führen und sind solche nur als eine heraldische Phan-
tasterei des Griinenberg zu betrachten.

Es besteht demnach das Wappen des heiligen
römischen Reichs in einem g. Schild, darauf ein dop-
pelter g.-gewaffneter Adler, um jedes Haupt einen g.
Schein tragend, sicli befindet. Diesem Adler ward als
Herzschild das jeweilige Familienwappen des Kaisers ein-
verleibt, wasjedoch bei vorliegender 'l'afel der Allgemein-
heit halber unterlassen wurde. Ueber dem Schild zeigt sich
die r ö m i s ch-kaiseriiche Krone mit abfliegenden r. ßändern.
In späteren Zeiten hat man angefangen, dem Adler Scep-
ter, Schwert und Reichsapfel in die Klauen zu geben,
manchmal auch den Adler ohne Schild, manchmal mit
Schild und Schildhaltern zu fiihren,. auch hat der lezte
Kaiser Franz II. tiber den Scliild zum erstenmale die
d euts che Kaiserkrone gesezt (1805), dagegen die römische
Krone als ö ste rr eic hisch e Kaiserkrone angenommen.

Die Wappen der Kurftirsten sind liier nach der
älteren Darstellungsweise gehalten, so zwar, dass bei den
drei geistlichen nur das Wappen ihres Bisthums, bei den
vier weltlichen aber die betreffenden Stammwappen der
Familie mit den Zeicben ilires Erzamtes angebracht sind.
Der König von Böbmen als deutscher Kurfürst und des
heiligen römischen Reichs Erzschcnk, dessgleichen Mainz
ais Erzkanzler durch Deutschland, Köln als Erzkanzier
durch Ilaiien, und Trier als Erzkanzier durch Gallien
und Areiat (Burgund) fiihren keine Beizeichen, dagegen
Pfalz in R. den g. Reichsapfel als Erztruchsess, Sach-
sen (Erzmarschalk) die zwei r. kreuzweis geiegten Schwer-
ter in einem von # und S. getheilten Schild, und Bran-
denburg den mit einem g. Scepter belegten b. Herzscliild
als Erzkämmerer des Reichs.

Von den Wappen der einzelnen Kurfiirsten als Regen-
ten, sowie von denjenigen der Reichs-Erbbeamten, z. B.
Pappenheim, S i n z en d o r f, II0 h e n z 0 i i e r 11 etc., danu
von den Erb-Würdenträgern der einzelnen Reichsfürsten
wird bei den betreffenden Herrscher-Häusern und P'amilien
die Sprache sein.

Zur Zeit des dreissigjährigen Krieges gab es nach
vierhundertjährigem Bestand in der Ordnung dieser Dinge
eine Aenderung dadurch, dass Kurfürst Friedrich von
der Pfalz in die Acht erklärt und seine Kurwürde dem
Ilerzog Maximilian von Bayern übertragen wurde. Im
westphäiischen Frieden 1648 ward Pfalz wieder als achte
Kurwürde eingesezt- ; 1692 kam Braunschweig ais

neunte (Erzschazmeister) dazu; 1803 endiich kamen noch
vier weitere Kurfürsten, Baden, Wiirtemberg (Erz-
banneramt) , Hessenund S a i z b ur g (dafür später Wiirz-
burg) in’s Kollegium.

Die Auflösung des heiligen rümischen Reichs durch die
Abdankung des lezten Kaisers Fr anz II. (6. August 1806)
machte Allem ein Ende, nur ein Titular Kurfürst hat
sich bis zum beutigen Tage in Kurhessen erhalten.

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