Der Simpl: Kunst, Karikatur, Kritik — 3.1948

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VOM DEUTSCHEN GEMÜT

Gegen Bezahlung von RM 4.— erhält man am
ersten Schalter, gleich links wenn man in die
große Bahnhofshalle hineingeht, eine Karte, mit
welcher man eine Woche lang zwischen Mün-
chen und Obermenzing hin- und herfahren kann,
wie man will. Dreimal am Tag, oder noch öfter,
— es ist ganz gleich. Sie gilt von Sonntag früh
bis Samstag Mitternacht, also eine Woche, und
um welche Woche des Jahres es sich handelt,
ist auf ihr durch einen Stempel jeweils ver-
deutlicht.

Dennoch wäre es voreilig, auf Grund dieser
geschilderten Gegebenheiten die Karte als
„Wochenkarte" bezeichnen zu wollen. Eine
Woche — darüber sind wir uns hoffentlich alle
im klaren — kann sehr wohl als Teil eines
Monats empfunden werden. Infolgedessen hat
man es vorgezogen, in diesem Falle von einer
„Teilmonatskarte" zu sprechen. Es liegt kein
Grund vor, warum man dies nicht tun sollte.
Freilich bildet ja, streng genommen, jeder Tag
einen Teil des Jahres und so könnte man argu-
mentieren, daß eigentlich jedes Billett in ge-
wissem Sinne eine Teiljahreskarte darstellt. Ihre
Gültigkeit erstreckt sich nämlich auf den 365. Teil
eines solchen. — Dies ist jedoch nicht üblich.
Wie es auch einleuchtet, daß man einen per-
manenten Fahrtausweis, der das ganze Jahr über
gültig ist, nicht Ewigkeitsteilausweis nennen
wird, aus der philosophischen Erwägung heraus,
daß jedes Jahr als Bruchteil der Ewigkeit gelten
kann.

Auf die Teilmonatskarte muß der Inhaber Vor-
und Zunamen schreiben und zwar entweder mit
Tinte oder mit Tintenstift. Einfacher Bleistift
genügt unter keinen Umständen. Solchermaßen
ausgerüstet kann man getrost seine Vororts-
reisen antreten. Daß Unbefugte an den Fahrten
teilnehmen, ist damit ausgeschlossen.
Grau und farblos ist das Leben nur für den, der
die kleinen Höhepunkte des Alltags übersieht
oder nicht genügend würdigt. Während man an
gewöhnlichen Tagen sang- und klanglos die
Perronsperre passiert (die Sonntage mit ein-
gerechnet), findet am MITTWOCH und FREITAG
eine Teilmonatskartenlochung statt. Der Vorgang
ist folgender: Der Beamte nimmt die Karte aus
den Händen des Reisenden entgegen und knipst
vermittels einer sinnreich konstruierten Zange,
die er in der Rechten hält, ein Loch in den
Fahrschein hinein. Die Prozedur, so einfach sie
das Wahrnehmungsvermögen des Laien auf-
nimmt und dem Bewußtsein übermittelt, gibt der
Bahnhofsverwaltung von Obermenzing Veran-
lassung, an solchen Tagen ein großes orange-
farbenes Plakat aufzuhängen, dessen Inschrift

DER UNSTERBLICHE FILSER

Die Versorgung der Bauern ist angesichts der Tatsache,
daß in vielen Fällen infolge der Dürre Zugtiere abge-
schafft werden mußten, mangelhaft.

*

Manche hundert Zentner Äpfel hätte man noch in die
Städte bringen können, aber man hat dreißig Hektoliter
Apfelmost im Einzelfalle gemacht, der wegen unsach-
gemäßer Behandlung verdirbt. Hier täte Aufklärung not.
*

Die Gewerkschaften haben bisher dem Staat und Wirt-
schaft viel Kredit gegeben. Ohne sie hätten wir. jetzt
keinen Boden mehr unter den Füßen.

Die Fischversorgung für Bayern krankt daran, daß sich
der zuständige Fachreferent Herr von Hausen als un-
fähig erwiesen hat.

*

Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht. Über
Nacht kann die Flamme emporschlagen. Das sind keine
Drohungen, Herr Landrat Küblcr, sondern es ist die
Stimmung draußen unter den arbeitenden Menschen.
*

Vermeiden wir Fehlzündungen in diesem Pulverfaß, auf
dem wir sitzen, damit es nicht zur Explosion kommt.

Es ist Irrsinn den gegenwärtigen Zustand als Planwirt-
schaft zu bezeichnen.

■ / *

Er soll den Kurs nicht zu rechts nehmen, weil sonst der
Wagen entgleist, den Dr. Zorn mühsam aufs Gleis ge-
bracht hat.

*

Jeder Plan ist eine Grabplatte, die sich auf einen Kör-
per legt. Planwirtschaft ist immer Zwangswirtschaft und
endet im KZ und mit Genickschuß.

Entnommen den bayerischen Etatdebatten 1947. A. Z.

besagt: „Heute Lochung der Teilmonatskarten!"
Was das für einen Zweck hat? Aber bitte, seien
Sie doch nicht so phantasielos! Natürlich ginge
es auch ohne diese Kontroll-Lochung — wir
wissen dies sehr wohl. Wenn Sie sich durchaus
auf den Standpunkt eines poesielosen Utilita-
rismus stellen wollen,- können Sie behaupten,
ein Mißbrauch mit der Teilmonatskarte sei un-
möglich, da diese die Unterschrift des Inhabers
trage und durch Abstempelung zu ersehen sei,
für die wievielteste Woche des Jahres sie gelte.
Gewiß! Aber wer so daherredet, kennzeichnet
sich damit als traditionsloser Banause. Erst da-
durch, daß wir den Selbstverständlichkeiten
Weihe verleihen, gewinnt unser Leben Inhalt.
Warum arbeitet Ihr Geist nicht so: Der Mitt-
woch war in der Mythologie unserer Vorfahren
dem Wodan heilig (weshalb er auch im Eng-
lischen heute noch „Wednesday" heißt!) und der
Freitag seiner hehren Gemahlin Freya oder
Frigga, wie sie mancherorts auch genannt wurde.
Was könnte daher angebrachter sein, als die
beiden Tage des hohen Götterpaares durch eine
Teilmonatskartenlochung zu ehren? Durch die
Auswahl gerade dieser Tage hat die Bahnverwal-
tung in unaufdringlicher Weise gezeigt, wie sin-
nig sie ist.

Mag sein, daß es Menschen gibt — historische
und dialektische Materialisten —, denen es gleich-
gültig ist, ob am Donnerstag ein ovales Löch-

M. Macon

lein in ihrem Fahrtausweis davon Kunde gibt,
daß tags zuvor eine Teilmonatskartenlochung
stattgefunden hat oder nicht, und die am Sams-
tag ohne Rührung feststellen, daß ihr Sieben-
tagebillett nun zwei Löchlein aufweist, anstatt
nur eines, wie noch wenige Tage zuvor. Solche
Menschen aber richten sich selbst, indem sie
ihre Existenz jeglicher Romantik entkleiden.
Unsere Sympathie gehört ihnen nicht.
Unsere Herzen schlagen dem Bahnbeamten ent-
gegen, der am Dienstag mit sorgengefurchter
Sürne nach Hause kommt und ausruft: „Weib!
Vergiß nicht, mir heute abend die Stiefel beson-
ders gut einzufetten! Du weißt — wir haben
morgen Teilmonatskartenlochung!" Und wenn
sein Schlaf in jener Nacht etwas unruhiger ist
als sonst, so gereicht ihm das nur zur Ehre. Wir
halten es mit dem Jungmann, über dessen Kom-
mode ein photographisches Kniestück hängt, das
ihn ernsten Antlitzes und in würdiger Haltung
zeigt, eine Hand lässig auf einem Postament
ruhend, mit der anderen ein unscheinbares
Stückchen Pappkarton haltend, während quer
über seine Beine mit Tinte (oder Tintenstift) ge-
schrieben steht: „Zur Erinnerung an meine erste
Teilmonatskartenlochung nach dem Kriege."
Nebst Datum und Unterschrift.
Denn schließlich ist man doch ein Deutscher,
und hat als solcher Verpflichtungen gegenüber
seinem Gemüt ... Walter F. Kloecft

Herr Dienststellenleiter, mögns am End' vielleicht gar a Pfund Gselchts .. . ?

Werk/Gegenstand/Objekt

Titel

Titel/Objekt
"Vom Deutschen Gemüt"
Weitere Titel/Paralleltitel
Serientitel
Der Simpl: Kunst - Karikatur - Kritik
Sachbegriff/Objekttyp
Grafik

Inschrift/Wasserzeichen

Aufbewahrung/Standort

Aufbewahrungsort/Standort (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Inv. Nr./Signatur
G 5442-11-5 Folio RES

Objektbeschreibung

Objektbeschreibung
Bildunterschrift: Herr Dienststellenleiter, mögns am End' vielleicht gar a Pfund Gselchts...?

Maß-/Formatangaben

Auflage/Druckzustand

Werktitel/Werkverzeichnis

Herstellung/Entstehung

Künstler/Urheber/Hersteller (GND)
Macon, Julius
Entstehungsort (GND)
München

Auftrag

Publikation

Fund/Ausgrabung

Provenienz

Restaurierung

Sammlung Eingang

Ausstellung

Bearbeitung/Umgestaltung

Thema/Bildinhalt

Thema/Bildinhalt (GND)
Karikatur
Satirische Zeitschrift

Literaturangabe

Rechte am Objekt

Aufnahmen/Reproduktionen

Künstler/Urheber (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
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Digitales Bild
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Alle Rechte vorbehalten - Freier Zugang
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Der Simpl, 3.1948, Nr. 1, S. 3.
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