Der Simpl: Kunst, Karikatur, Kritik — 3.1948

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R. Weissauer: STUDIE

ALLE VERPLANEN MIT

Kennen Sie. das reizende neue Spiel unserer
Aemter, die Verplanung? Es kürzt auf wie-
deraufbaufrohe Weise die^ Zeit, es bringt herz-
klopfende unterhaltliche Aufregung ins graue
Einerlei des Nichts und hat den Vorteil, daß eine
Unmenge von Mitspielern — aktiven und pas-
siven — sich daran beteiligen können. Während
die aktiven Mitspieler geschulte Fachkräfte der
Bürokratie sein müssen, brauchen die passiven
(leidenden!) nichts weiter als Geduld für diesen
Zeitvertreib. Die Spielregeln selbst sind denkbar
einfach: den aktiven Mitspielern wird ein Posten
Mangelware zur Verteilung an die passiven zu-
gewiesen, und nun gilt es, diese Mangelware so
geschickt in einem um den grünen Tisch gebil-
deten Kreis herumgehen zu lassen, daß die pas-
siven Mitspieler nicht merken, wo sie gerade
steckt. Gelingt es einem von diesen, einen Zipfel
der ihm zugedachten Ware zu erspähen, so darf
er zugreifen. Erwischt er sie dabei — was aber
bei geschickten Gegenspielern fast nie vor-
kommt —, so gehört sie nach kurzem Zahl-
verfahren ihm. Dieser Gefahr müssen die aktiven
Verplaner dadurch begegnen, daß sie sich die
Ware affenartig schnell zuschieben und nie aus
der Hand geben. Wenn es ihnen am Schluß des
Spieles gelungen ist, die ganze Ware endgültig
zum Verschwinden gebracht zu haben, so haben

sie gesiegt und rücken eins vor, d. h. sie be-
kommen das nächsthöhere Amt.
Ein Meisterstück an Verplanung wird z. B. in
einem Pressebericht des Einzelhandelsverbandes
der Nordrheinprovinz geschildert. Im Herbst
haben die Amerikaner reinwollene Uniform-
stücke zur Linderung der deutschen Textilnot
zur Verfügung gestellt. Sie sollten, zu Kleidungs-
stücken verarbeitet, möglichst noch vor Weih-
nachten an die frierende deutsche Bevölkerung
verteilt werden. Von den 750 000 Wolldecken
wurden nun 40 Prozent Konfektionsfirmen zu-
gewiesen. Diese anscheinend nach recht unklaren
Gesichtspunkten ausgesuchten Firmen haben die
guten Wolldecken so verschnitten, daß die daraus
entstandenen Mäntel, besonders jetzt nach dem
Winter, kaum mehr loszubringen sind. (Da näm-
lich von den passiven Verplanungs-Mitspielern
keiner seinen auf Jahre hinaus einzigen Bezug-
schein an ein nicht tragbares Kleidungsstück
hängen will.) Für die Verteilung der übrigen
Textilien hat das Frankfurter Verwaltungsamt
für Wirtschaft einen Leiter berufen, der einen
25köpfigen Ausschuß ins Leben rief. Von diesen
fünfundzwanzig Ausschußmitgliedern bildet nun-
mehr jedes wieder einen örtlichen Arbeits-
ausschuß um sich — und so immer weiter, bis
die gesamten Wollstücke verteilt sind.
Dumm ist natürlich, wenn sich ins heitere Ver-
planungsspiel einer der Kiebitze einschaltet und

all Spielverderber auftritt. Dann müssen die
bürokratischen Verplaner ihr Arbeitstempo um
ein vielfaches vermehren, wenn sie nicht in Ge-
fahr kommen wollen, um den Lphn ihrer Mühe
gebracht zu werden. Ein typisches Beispiel für
solche Spielverderberei war neuerdings die ener-
gische Mahnung der amerikanischen Militär-
regierung an die deutschen Stellen, sie sollten
die ihnen am 19. Februar zugewiesenen 2 7
Millionen Meter Textilien und Wolldecken
umgehend verteilen. Hier handelte es sich um
fertige Kleidungsstücke, die nicht erst ver-kon-
fektioniert werden können, was die totale Ver-
planung natürlich erschwert. Andererseits aber
wird auch die Verplanung, wie jedes Spiel, durch
unvorhergesehene Zwischenfälle nur gewürzt
und interessant gestaltet. Denn wenn auch die
aktiven Verplaner es nicht gern sehen, um den
sicheren Sieg gebracht zu werden, so werden
doch die passiven Mitspieler nur durch mächtige
Eingriffe noch ermutigt, überhaupt hin und wie-
der die leeren Hände nach den vorübereilenden
Stoffen auszustrecken. Also, meine Lieben, grei-
fet zu, greifet ein, ehe die totale Verplanung
euch beweist, daß nichts da war, weil nichts
da ist! Vim

Ein Wort, General!

Aufstehn die Toten der letzten Schlacht,
verschollen, erschlagen und umgebiazht
und sehen dich an, General.

Und alle die Opfer, Mann um Mann,
Tote und Krüppel sehen Dich an.
Hörst Du sie, General?

In Gräben und Löchern verborgen, versteckt,
wie krankes Vieh krepiert und verreckt—
für wen, General?

Du sagtest Vaterland und meintest Ruhm,
Unmenschlichkeit wurde zum Heldentum
und mancher hat Dir geglaubt, General.

Ein Wort von Dir,und dieHclle brach los,
wie wurden die Tage dann gnadenlos
auf Befehl, General!

Du warst der Henker, ohne Richter zu sein,
Du warst die Allmacht, und wir so allein,
denn Du warst Du, General!

Wir hieltendieStellung inSturm und Brand,
zerfetzt die Lurgm, zerrissen die Hand,
o Generell

So mancher von uns zog das schwarze Los,
Du aber wurdest größu und groß
durch uns, General!

Nun kehrten wir heim und die Welt war so leer
und unsere Nächte sind tief und schwel
von Blut, General.

Und wissen: Wir wollen nie wieder töten,
und unsere Hände mit Menschenblut röten,
General!,

Wirwollennicht wiederkämpfenundfallen
für Deine Ehren- und Ordensschnallen,
Herr General!

Wir werden auch nichts auf,,Heldentum" geben.

Wir wollen kein Denkmal.

Wir wollen leben! ' Namick

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Werk/Gegenstand/Objekt

Titel

Titel/Objekt
"Studie"
Weitere Titel/Paralleltitel
Serientitel
Der Simpl: Kunst - Karikatur - Kritik
Sachbegriff/Objekttyp
Grafik

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Aufbewahrung/Standort

Aufbewahrungsort/Standort (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Inv. Nr./Signatur
G 5442-11-5 Folio RES

Objektbeschreibung

Maß-/Formatangaben

Auflage/Druckzustand

Werktitel/Werkverzeichnis

Herstellung/Entstehung

Künstler/Urheber/Hersteller (GND)
Weissauer, Rudolf
Entstehungsort (GND)
München

Auftrag

Publikation

Fund/Ausgrabung

Provenienz

Restaurierung

Sammlung Eingang

Ausstellung

Bearbeitung/Umgestaltung

Thema/Bildinhalt

Thema/Bildinhalt (GND)
Karikatur
Satirische Zeitschrift

Literaturangabe

Rechte am Objekt

Aufnahmen/Reproduktionen

Künstler/Urheber (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Reproduktionstyp
Digitales Bild
Rechtsstatus
Alle Rechte vorbehalten - Freier Zugang
Creditline
Der Simpl, 3.1948, Nr. 10, S. 110.
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