Stintzing, Johann August Roderich von
Geschichte der populären Literatur des römisch-kanonischen Rechts in Deutschland am Ende des fünfzehnten und im Anfang des sechszehnten Jahrhunderts — Leipzig, 1867

Seite: XLVI
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Zeitcn dcs Cn. Flavius „«piisins eivilv rvpositnm in poiietinlilins pon-
titi«-uni ovulMvit" defunden haben mögen*). Cs galt jeht, cinc fertigc,
außerhaib dcs Lolkslebcns zu eincr hohen Vollendung gcbrachtc Kunsl nnd
Lehre kenncn und anwenden zu lerncn. Deutschland war gewisscrmaaßcn
in einen neuen Zustand der Kindheit in der Zicchtskunde zurückversetzt.

Dcm entsprechcnd wählte man die Bildungsmittel. Cs lag fern,
durch systematischeCrkenntniß in dcn Geist dcs Rechts cindringen zn wollen;
die wissenschaftliche Arbcit überließ man den Wcnigen, wclche Bcruf dazu
füblten. Aber wie die Rvmer schon cin Großcs zu besitzen glaubten, als
Cn. Flavius ihncn die Fastcn und Aktionen bekannt gemacht hatte; so sah
auch jene Zcil nicht mil Unrecht in der äußerlichen, formalen Kcnntniß dic
erste und nothwendigste Borbedingung für dic Anwendung, und griff nach
soichcn Dchriftcn, welche dieses Wisscn am schnellsten zu gewähren ver-
sprachcn.

Ucberblicken wir nun die populäre Litcratur in ihrer Gcsammtheit, so
/ kreten uns darin vor Allcm die Schriften cntgegcn, welche unmittelbar als
Hülfsbücher für die Praris dcr freiwilligen und strcitigen Gerichtsbarkeit
bestimmt sind. Aber auch dicjenigen Werke müsscn wir zu ihr rcchncn,
welche den Zweck verfolgen, durch mcthodologischen und encyklopädischen
Unterricht, oder durch Uebersichtcn dcr Cintheilungen und des Znhalts der
Rechtsbücher in das theoretischc Studium einzuführen. Diesc, in Verbin-
dung mit den leyikalischen Werken, den Uebersetzungcn.ber leichter faßlichen
Quellcnstücke, sowie mit dcn Sammlungen juristischer Rcgcln bilden für
das Bcdürfniß der Zeit die uncntbehrliche Crgänzung dcs schwerfälligen
und fragmcntarischcn akademischcn Untcrrichts. In dcr Mitte zwischcn
den theoretischcn und praktischcn Schriftcn stehen Wcrkc, welche zwar sür
die Praxis bcstimmt sind, aber zugleich cine thcorctische Belehrung mit dcr
praktischen Anweisung verbindcn.

Zu diesem allcn kommt endlich cine cigenthümliche Klasse von Werken,
welchc der Pslege dcs geistlichen Amts ihrc Cntstehung vcrdankt. Wir
haben sie als „dic geistliche Iurisprudenz" an den Schluß unserer Unter-
suchungen gestellt, wcil sic, auf einem ganz andercn Gcbicte entstandcn, sicb
in mehr als ciner Bezichung von dcr übrigen hier besprochcnen Literatur

Diese Aehnlichkeit kam schon Zasius in den Sinn, als er in seinem Commentar
zu dem Titel äe OriAioe )uris an die Stelle über dcn On. dN-ivius Bemerkunaen nber die
populäre Iurisprudenz seiner Zeit anknüpfte.
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