Stintzing, Johann August Roderich von
Geschichte der populären Literatur des römisch-kanonischen Rechts in Deutschland am Ende des fünfzehnten und im Anfang des sechszehnten Jahrhunderts — Leipzig, 1867

Page: 547
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/stintzing1867/0599
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
547

fortschrcitcnden Lcben des Lerkchrs, auf der Kanzel, im Beichtstuhl und im
Gerichhc feindlich entgegentrad Das Bcmiihcn, durch casuistische Borschriftcn
das Rccht mvralisch zu gcstalten, fülirte dahin, daß dic Moral zur Iuris-
prudcnz wurde: und es ist schwer zu sagcn, od untcr dicscr Berschmclzung
dcr Iurisprudenz mit der Ethik jcne oder diesc mchr Noth gelittcn, od das
sittlichc oder das matericllc Leben mchr Schaden davon gctrageii habe.

Es ist kciner dcr gcringstcn Vorzügc des römischcn RechtS, daß es sich
in der langen Zcit scines Werdens von dcn Fesseln priesterlicher Nn-
schauungen frci gcmacht, und ;u einem stiechtc des Bcrkebrs entfaltct hat,
welches mit voller Schärfe die Grenze einhält, an welcher das Gcbiet der
Moral beginnt. Seinc Prinzipicn mußten dahcr gcschmälert uud zum
Theil gebrochcn wcrden, damit das kaiionistisch-moralisircnde Svstcm Raum
gcwinncn konnte. Als aber dic Zeit der kirchlicben Erziehung vollendet,
das deutsche Bolk in das Mannesaltcr getretcn war, uud nun der Kampf
gegcn dic eigensinnig und eigcnnützig fcstgebaltcne Bevorinundung auf
geistigem und materiellcm Gebicte ausgckämpft werden mußlc: da ist das
römischc Recht, mit seinem Prinzip der vollsten privatrechtlichen Freihcit des
Bürgers, für die ncue Zeit cin wirksamer Bundcsgenosse gewcsen.

35
loading ...