Thorbecke, August [Oth.]
Statuten und Reformationen der Universität Heidelberg vom 16. bis 18. Jahrhundert — Leipzig, 1891

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Möglichkeit geblieben ist, auch nur die Hauptfäden der Entstehung der einen
oder andern Reform bloßzulegen.

Die erste dieser Ordinationen oder Reformationen, die Ludwig V. im
Jahre 1522 versuchte, ist uns überhaupt nicht, weder im Original, noch in Ab-
schrift, erhalten; nachdem sie mit dem Universitätsarchiv glücklich aus dem
dreißigjährigen Krieg gerettet worden war, scheint sie 1693 in den Flammen des
Orleansschen Krieges zu Grunde gegangen zu sein3). Doch sind Absicht und
Wirkung dieser Umgestaltung aus den freilich spärlichen Nachrichten der Rek-
torenaufzeichnungen und aus den Akten der philosophischen Fakultät noch er-
kennbar geblieben. Als Ludwig V. die Regierung (1508) antrat, war der gute
Ruf schon von der Universität gewichen, den sie der hingebenden Wirksamkeit
verständiger Lehrer der scholastischen Richtung und den Einflüssen des Huma-
nistenkreises zu verdanken hatte, welcher sich in Heidelberg unter der Gunst
seines Vaters Philipp zusammengefunden und auch unter den Lehrern der Schule
seine Anhänger besaß. Die Nachwirkungen des bayrischen Erbfolgekrieges
machten sich damals in ihren materiellen Verhältnissen und in der Zahl ihrer
Hörer fühlbar, und das öde Schulgezänk der Realisten und Nominalisten, das
Friedrichs des Siegreichen feste Hand durch.das weise Gesetz von 14524) für
ein halbes Jahrhundert glücklich ferngehalten hatte, erfüllte die Hörsäle der
Bursen und ließ sich bis auf die Straßen der Stadt vernehmen. Der Kurfürst
mußte bald erkennen, daß die einsichtsvollen Lehrer an Zahl zu gering, zu
schwach in einheitlichem Wirken waren, um hier in selbständigem Vorgehen
Wandel zu schaffen, daß auch der %ute Wille der Artistenfakultät, welche —
anders wie in früheren Zeiten — jetzt einer Neuerung zustrebte, nicht ausreichen
werde, um den Widerstand einer bequemen Mehrheit, teilweise in den oberen
Fakultäten, teilweise in den Bursen, zu brechen. So entschloß er sich, beraten
von anerkannten Führern und Anhängern der humanistischen Bildung, wie
Wimpfeling, Sturm, Spiegel5), die einst in Heidelberg gelernt und auch gelehrt
hatten und Kenntnis der persönlichen Verhältnisse besaßen, selbst durchzu-
greifen und der Universität, ohne ihre Meinung zu erfragen oder ihren Rat zu
hören, durch seinen Kanzler Florenz von Venningen eine Reform aufzulegen,
unzweifelhaft im Geiste des Humanismus, aber in einer so willkürlichen Weise,
daß das korporative Selbstgefühl der Universität bis in die Tiefe aufgeregt und
verletzt werden mußte. Es war nicht zu verwundern, daß die Hochschule, wenn
sie auch keinen offenen Ungehorsam gegen den ausgesprochenen Willen ihres
Fürsten wagte, doch ihre Empfindlichkeit über die erfahrene Mißachtung ihrer
herkömmlichen Rechte nicht zurückhielt6) und auch der Durchführung des neuen
Gesetzes, das freilich in einzelnen Teilen, besonders was die Fakultäten betraf,
wie es scheint, nicht sofort völlig ausgearbeitet vorlag, praktische Schwierigkeiten
bereitete. Die Akten verraten in der That, daß es nicht immer gelingen wollte,
alle Forderungen der Reform durchzusetzen, daß zumal die Rücksicht auf die
unzureichenden Mittel — tenuitas fisci ist ein ständiges Schlagwort der Klagen —
die kurfürstlichen Räte zwang, auf manche geplante Veränderung ganz zu ver-

3) S. Beilage I.

4) S. Winkelmann I, 161—165, besonders 163, Z. 15—44.
o) Winkelmann I, 214—219.

6) Ich muß es mir an dieser Stelle versagen, durch zahlreiche Anftihrungen aus den Akten
das Verhältnis Ludwigs zur Universität zu belegen. Auch sonst beschränke ich mich in den An-
merkungen auf das Notwendigste.
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