Ungewitter, Georg Gottlob
Gothische Holz-Architektur: ein Vorlagewerk für Architekten, Bautischler, Zimmermeister u. Schulen — Berlin [u.a.], 1896

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GOTHISCHE HOLZ ARCHITEKTUR VON G. G. UNGEWITTER.

ERKLÄRUNG DER TAFELN.

Tafel I. Verschieden gekehlte Balken. Die einfachste und wohl
auch schönste Art, gewöhnliche Decken über Zimmer und andere
Räume zu bilden, besteht darin, dafs man die die Decke tragenden
Balken frei zu Tage liegen läfst und die Decke darauf legt, in
welchem Falle man ihnen eine mehr oder weniger geschmückte
Gestalt geben kann. Die einfachste Form würde sein, das Balken-
viereck über den ganzen Raum hinwegzuführen. — Fig. 1 und 2 zeigen,
wie aus dem Viereck auf jeder Seite eine sich durch einen Fasen
gegen den Grund absetzende Vertiefung herausgearbeitet ist. Um
nun in diesem Falle nicht gerade die die gröfste Tragkraft habenden
Fasern wegzuschneiden, ist auf der Unterseite des Balkens in Fig. 1
ein anderes Profil angedeutet. — Fig. 3. Eine reichere Ausführung
derselben Grundform. Wollte man hier die Unterkante gleichfalls
mit Mafswerk verzieren, so müfste man dasselbe so dicht machen,
dafs die Tragkraft dadurch nicht zu sehr verloren gehe. Inzwischen
sind derlei reichere Bildungen für Balken nicht wohl anwendbar, da
man deren eine bedeutende Anzahl braucht, mithin ein solcher grofser
Reichthum bedeutende Arbeit verursachen müfste. Ganz verwerflich
aber würde es z. B. in vorliegendem Falle sein, die Kehlung durch
die ganze Balkenlänge durchzustofsen und dann die Eckleisten und
die etwa anzubringenden Verzierungen aufzunageln und zu leimen.
Es kommen Fälle vor, wo derlei aufgenagelte Verzierungen sehr
am Platze sind, nur mufs die ganze Anordnung mit Rücksicht darauf
getroffen sein. In vorliegendem Falle aber würde solch aufgenageltes
Zeug schon durch die verschiedene Richtung der Adern seinen un-
echten Ursprung zu erkennen geben. Man kann sich hiervon am
besten überzeugen, wenn man ein Stück Arbeit sieht, an welchem
ein etwaiger Fasen, statt, wie es sich gehört, aus dem vierkantigen
Holz herausgeschnitten zu sein, durchgehobelt ist und dann der An-
fang desselben, wie der in Fig. 5 mit a b bezeichnete Theil, auf-
geleimt ist. Dergleichen Arbeit sieht immer aus, wie ein geflicktes
Wams. — Fig. 4, 5 und 6 zeigen einen gefaseten Balken, indem aus
dem Viereck auf den Ecken die Hohlkehle heraus geschnitten ist.
Ebenso gut hätte es ein einfacher Fasen sein können. Da nun der
Balken in der Mauer oder auf der Mauerlatte sein volles Viereck
zum Auflager haben mufs, so liegt hierin schon der Grund, das
Viereck um eine gewisse Länge über die Mauer hinauszuführen und
dann erst die etwaige Kehlung anzuschneiden, und hierin beruht
gerade ein Hauptschmuck der Balken. In Fig. 6 ist angenommen,
dafs die Unterfläche des Balkens bemalt sei. Es ist dies sehr ein-
fache Arbeit, die dabei doch, wenn sie richtig gemacht, von sehr
grofser Wirkung ist. In vorliegendem Falle würde man das eigent-
liche Muster in der Holzfarbe stehen lassen und nur den Grund mit
irgend einer reinen Farbe anlegen, mit reinem Zinnober, Kobaltblau,
grün, schwarz, auch nach Befinden abwechseln, so dafs der Grund
des einen Quadrats etwa grün, der des andern schwarz wäre. Die
Kehle auf den Kanten könnte, was beinahe durchgehends für alle
Kehlen die schicklichste Farbe ist und auch an älteren Werken häufig
vorkommt, mit einem leuchtenden Kobaltblau, oder dem besten Berg-
blau gestrichen sein, und so der Balken bei seiner einfachen Form
und wenig kostbaren Ausführung doch einen sehr reichen Eindruck
machen. Noch mufs bemerkt werden, dafs derlei Bemalung bei
etwaiger Lackirung des Holzes doch immer matt gehalten werden
mufs, da die Farben durch den Glanz des Fettes ihren echten Glanz
verlieren. In vorliegendem Falle hätte man auch statt der Hohlkehle
einen Fasen anwenden und diesen dann grofser machen und bemalen
können. — Fig. 7, 8 und 9. Eine reichere Ausführung des vorher-
gehenden Falles. — Fig. 10, 11 und 12. Ein nach dem Halbkreis ge-
bildeter Balken. Schon die Richtung der Jahresringe im Kernholze
führt auf diese Form, der in vorliegendem Falle durch die auf den
Ecken stehen bleibenden kleinen Rundstäbe ein gröfserer Reichthum
gegeben ist. — Fig. 13, 14 und 15. Eine Kehlung des Balkens aus
dem Halbkreis als Grundform betrachtet. — Fig. 16, 17 und 18. Eine
reichere Ausführung desselben Falles, wobei die Stäbe gewunden
sind. Eine Ausführung der Art ist eben wegen ihrer gröfseren
Schwierigkeit mehr für einzeln vorkommende Träger, als für die
sich oft wiederholenden Balken passend. Läfst man nun, wie schon

Ungewitter, Gothische Holzarchitektur.

oben bemerkt, das Balkenviereck um einiges über die Mauer fassen,
so liegt es sehr nahe, diese Stellen, die ohnehin nur viermal an jedem
Balken Vorkommen, mit reicherem Schmucke zu versehen, a in
Fig. 17, b in Fig. 18 und c, welches das Profil zu b giebt, geben ein
Beispiel hiervon. — Fig. 19, 20 und 21. Ein nach dem halben Vier-
pafs gekehlter Balken, wobei in den Winkeln des Vierpasses die
stehen gebliebenen Leisten a das Balkenviereck einhalten und auch
den Uebergang in dasselbe bilden. — Fig. 22 und 23. Eine Balken-
kehlung aus dem Achtort. — Fig. 24. Eine andere Ausführung der-
selben Kehlung. — Fig. 25 , 26 und 27. Eine reichere Kehlung aus
dem Achtort, wobei fünf Seiten ausgekehlt sind, wie im vorigen
Beispiel nur zwei. — Fig. 28 , 29 und 30. Eine Kehlung aus dem
übereck gestellten Achtorte. — Fig. 31, 32 und 33. Eine reiche Kehlung
aus dem Achtort. Wendet man auf dem über die Mauer reichenden
Viereck des Balkens derlei Verzierungen an, wie in diesem und.in
andern Fällen gezeigt ist, so ist es sehr passend, dabei auf die
geometrische Grundform des Balkens, also hier auf das Achtort, so
wie in Fig. 41 auf das Sechsort Rücksicht zu nehmen. — Fig. 34, 35
und 36. Eine Kehlung aus dem Achteck, welche einen anderen
Uebergang des Vierecks in die Kehlung zeigt, wobei die Glieder
in eine Spitze auf der Erde auslaufen. — Fig. 37, 38 und 39. Eine
Kehlung aus dem übereck gestellten Achtort. — Fig. 40, 41 und 42.
Eine Kehlung aus dem Sechseck. — Fig. 43 und 44. Eine reichere
Kehlung aus übereck gestellten Quadraten, der Anfang der Kehlung
wird aus der Zeichnung klar werden. — Fig. 45 , 46 und 47. Ein
halber gekehlter Balken; die Kehlung läuft an den Seitenflächen durch
einen Viertelkreis hinab und zeigt an der Unterfläche, Fig. 47, ihr
Profil. — 48, 49 und 50. Ein reicheres Beispiel. Der Laubzug in der
kleinen Kehle könnte, um die Arbeit zu vereinfachen, gemalt sein.

— Fig. 51, 52 und 53 zeigen einen mit Fig. 46 anologen Anfang der
Kehlung, nur dafs die Glieder nicht wie dort hinablaufen und unten
ihr Profil zeigen, sondern dafs das aufsteigende Profil ein ganz anderes
ist, als das, wonach der Balken gekehlt ist, wie sich aus der Ver-
gleichung von Fig. 51 und 53 ergiebt, welche sich dann, wie Fig. 52
erweist, in den Ecken kreuzen. — Fig. 54 , 55 und 56. Eirl Balken
mit Unterzug. Anstatt den Balken unmittelbar auf die Mauerlatte zu
legen, kann man, wie hier gezeigt, ihn auf einen Unterzug legen, ihn
mit diesem verbinden, den Unterzug auf die Mauerlatte legen und
dann auf eine gewisse Distanz über die Mauer hinaus fassen lassen.
Es kann diese Anordnung mit dem gröfsten Reichthum ausgeführt
werden, gewährt aber auch in ganz einfacher Form eine gröfsere
Mannigfaltigkeit; Knaggen unter die Balken zu setzen, ist deshalb
unpassend, weil man doch nicht die Mauerlatte um die Knaggenhöhe
hinunter legen und diese darauf setzen kann, und weil man im ent-
gegengesetzten Falle, wenn die Balken auf der Mauerlatte liegen,
die Knaggen, die die Mauer fassen müssen, unter der Mauerlatte um
die Stärke derselben ausschneiden müfste. In Fig. 55 ist der Unter-
zug schmäler, als der Balken gehalten. — Fig. 57, 58 und 59. Balken
mit Unterzug, wobei der Unterzug in gleicher Breite als der Balken
gehalten ist, wodurch die über beide geschnittene Mafswerkverzierung
möglich wird. — Fig. 60 und 61. Balken mit Unterzug in sehr ein-
facher Gestalt.

Tafel 2. Verschiedene Formen von Trägern. Durch das seltenere
Vorkommen der Träger wird eine reichere Form derselben hervor-
gerufen, daher man hier sich nicht auf blofse Kehlung zu beschränken
braucht, sondern zu reicheren gestochenen Verzierungen übergehen
kann. — Fig. 1, 2 und 3 zeigen ein derartiges reicheres Beispiel. In
Fig. 1 giebt die linke Seite das Profil c d, die rechte das Profil a b.

— Fig. 4, 5 und 6. Träger mit Unterzug. — Fig. 7, 8 und 9. Träger
mit zwei Unterzügen unter einander. —■ Fig. 10, 11 und 12. Träger
mit zwei gröfseren Unterzügen. — Fig. 13 und 14. Ein Träger auf
einer Knagge, welche ihr Auflager in der Mauer hat. Noch besser
kann man einen solchen Träger auf einen gehauenen Kragstein legen.
Es ist hier keine Unteransicht gezeichnet, da sich dieselbe mit der
Seitenansicht ganz gleich gestaltet. — Fig. 15, 16 und 17. Träger auf
Unterzug und Knaggen. Anstatt dafs hier in der äufseren Form die
verschiedenen Stücken Holz nicht besonders hervorgehoben sind,

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