Vogel, Julius [Hrsg.]; Städtisches Museum <Leipzig> [Hrsg.]
Studien und Entwürfe älterer Meister im städtischen Museum zu Leipzig — Leipzig, [1895]

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Zur Einführung

jas Kabinet der Kupferstiche und Handzeichnungen im
Leipziger Museum ist in seiner jetzigen Gestalt eine
Schöpfung, die kaum drei Jahre alt ist. Dank der
Bereitwilligkeit der städtischen Behörden ist endlich
nachgeholt worden, was Jahrzehnte lang versäumt
worden war, und wenn die Anfänge auch klein und bescheiden sind, so
ist doch besonders im Hinblick auf die Bedeutung, die die graphischen
Künste für Leipzig besitzen, zu hoffen, dass die Zukunft allmählich
Erfüllung von Wünschen bringen wird, die nicht nur den Kunsthistoriker
von Beruf beseelen, sondern auch vielen Kunstfreunden auf den Herzen
liegen. Den Grundstock und Hauptbestand der kleinen Sammlung
bilden ähnlich wie bei der Gemäldegallerie des städtischen Museums
Vermächtnisse, die kunstsinnige Bürger der Stadt hinterlassen haben.
Rudolf Benno von Römer hinterliess im Jahre 1871 neben dem reich-
haltigen Werke Daniel Chodowieckis, von dem sehr viele Blätter in
verschiedenen Plattenzuständen vorhanden sind, eine werthvolle mehrere
tausend Blätter umfassende Kupferstichsammlung, Porträts von hervor-
ragenden Personen aus allen Gebieten des Lebens, der Wissenschaften
und Künste der letzten drei Jahrhunderte. Heinrich Demiani, ein Ver-
wandter Schietters, stiftete nach seinem Tode (1865) eine beinahe 500
Blatt enthaltende kostbare Sammlung von Aquarellen und Zeichnungen
von Künstlern aus deutschen und besonders ausserdeutschen Schulen
dieses Jahrhunderts und der 1891 verstorbene Rechtsanwalt Moritz
Eduard Mayer vermachte eine 565 Zeichnungen und Aquarellen um-
fassende Sammlung der bedeutendsten deutschen Meister von Carstens
bis auf die Gegenwart. Ein Vermächtniss dieser Art ist auch die
Sammlung, die Veranlassung zu der vorliegenden Veröffentlichung
gegeben hat: Die Sammlung des Hofraths Otto Gphler. Sie ist in der
kunstwissenschaftlichen Litteratur einige Male genannt worden, im Grossen
und Ganzen aber unbekannt geblieben. Kaum dass sich der Name des
kunstsinnigen Sammlers noch erhalten hat. Denn selbst mit dem offi-
ziellen Namen hiess sie bisher „Dörriensche Sammlung“, weil sie von
der am 23. Oktober 1857 verstorbenen Ehefrau des Regierungsrathes
Dr. Heinrich Dörrien, der Frau Emilie Dörrien geb. Gehler, dem Museum
letztwillig vermacht worden war. Allein diese hatte in ihrem Testament
ausdrücklich bestimmt, dass die „von ihrem guten Vater gesammelten
Handzeichnungen alter und neuer Meister dem städtischen Museum
vermacht werden und zum Andenken ihres Vaters unter dessen Namen
fortbestehen sollen“. Dieses Testament und die Pietät lassen es als
Pflicht erscheinen der Sammlung ihren eigentlichen Namen wieder-
zugeben und ihr zu erhalten. Man möchte sagen: diesen Namen der
Vergessenheit zu entreissen. Denn wer weiss heutigen Tages noch
etwas von dem Hofrath Gehler, der weder in dem öffentlichen Leben
noch in der Wissenschaft Spuren hinterlassen hat, die ihn über das
Niveau des Alltagsmenschen hätten hinausheben können? Deshalb
mag für Freunde der Stadtgeschichte und unserer Kunstschätze hier
das Wenige über ihn und seine Sammlung, was sich hat ermitteln
lassen, erzählt werden.

Johann August Otto Gehler wurde in Leipzig geboren am
16. Juni 1762 als Sohn des Professors der Pathologie Johann Karl
Gehler und der Christina Sophie geb. Mencke, einer Urenkelin des
berühmten Professors Johann Burkhard Mencke. Er studierte vorzugs-
weise Rechtswissenschaft, erst in Leipzig, später auch in Göttingen, erwarb
sich die Würde als Magister der Philosophie und Doctor juris, wurde
1792 in den Rath gewählt, 1802 Stadtrichter, 1806 Baumeister und
1811 Hofrath und Kriminalrichter. Am 11. August 1822 ist er im
einundsechzigsten Lebensjahre gestorben. Ausser einigen juristischen
Dissertationen hat er nichts veröffentlicht. Mehr als diese wenigen
äusseren Daten wissen wir über sein Leben nicht. Ob er grosse Reisen
insbesondere ins Ausland, wie es schon damals die Gebildeten zu thun
pflegten, gemacht und durch Anregung in der Fremde seine Liebhaberei
gefördert hat, entzieht sich unserer Kenntniss. Ja selbst über die Ent-
stehung und Entwickelung seiner bei seinem Tode nahezu dreizehn-
hundert Blätter umfassenden Sammlung von Zeichnungen aus allen
Schulen sind wir ziemlich im Unklaren. Was sich jetzt noch mit
einiger Sicherheit ermitteln lässt, gründet sich auf indirekte Quellen
und Anologieschlüsse, die uns aber doch einige intimere Einblicke in
den Sammeleifer und den Kunstsinn Leipziger Dilettanten im ersten
Viertel dieses Jahrhunderts thun lassen.

Die Liebhaberei für Bilder älterer Meister war für den wohl-
habenden Leipziger Bürger, man möchte sagen, ein von den Vätern
überkommenes und wohlgepflegtes Erbtheil. Die grosse und verständ-
nisvoll ausgesuchte Sammlung, die Gottfried Winckler zur Zeit des
siebenjährigen Krieges angelegt hatte, ist ebenso wie das Richtersche
Kabinet in der Litteratur berühmt geworden, wie selten eine Privat-
gallerie nachher. Hand in Hand mit dieser Liebhaberei ging aber auch
das Streben kunstgeschichtliche Fragen zu behandeln, besonders inso-
weit sie durch jene Sammlungen angeregt wurden. Schon zur Zeit als
der junge Goethe in Leipzig studirte, gab es eine von dem kunst-
verständigen Franz Wilhelm Kreuchauff geleitete „Kunstsozietät“, die
in Richters Kabinet wöchentlich tagte und ausübenden Künstlern wie
allen schönen Geistern für ihre Interessen einen genussreichen Mittel-
punkt gewährte. Unter andern Verhältnissen hatte sich Ende des
zweiten Jahrzehntes unseres Jahrhunderts wieder ein intimer Kreis
kunstsinniger Männer zusammengefunden. Die grossen Sammlungen
waren aufgelöst, ihre Schätze versteigert oder verkauft worden und die
Ungunst der Zeiten lastete schwer auf allen friedlichen Bestrebungen
in deutschen Landen. „Leider, so klagt Goethe 1812 in einem Briefe
an einen Leipziger Freund, den noch zu nennenden Friedrich Roch-
litz, geniesst man jetzt kaum was man besitzt, wie sollte man noch
mehr zu besitzen wünschen!“ Aber man suchte doch für jene grossen
Sammlungen einen Ersatz wenigstens im kleinen sich zu sichern. Es
waren die Zeichnungen, Studien und Entwürfe oder auch als selb-
ständige Kunstwerke gedachte Blätter berühmter Meister, die, so
gut es gehen wollte, an die Stelle ihrer Ölgemälde traten und von
verschiedenen Seiten mit Eifer gesammelt wurden. Sie hatten den
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