Der wahre Jakob: illustrierte Zeitschrift für Satire, Humor und Unterhaltung — 7.1890

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Der glürkliche

i§53Vn§ war der Sultan von Sansibar Doch einen Fehler bcm

Im afrikanischen Land, Kein Mensch zahlte Steu

Der herrschte so weise wie absolut Drum saß der Sultan v

Wohl ob einem Streifen Sand. Gar öfters recht arg auf

Es war ein Streifen, so laug und breit Er seufzte: „Schon wicd

Wie Deutschland und Frankreich dazu, Und im Harem nur drei

Auch störten Sozialdemokraten dort nicht Das ist eine Noth und

Die staatliche Ordnung und Ruh'. Nach Baarmittelu gründ

Und kam aus den Wäldern ein wildes Thier, Da kamen grad' England
Was sicher zuweilen geschah — In Afrika theilten sie fii

Die Bestie that Niemandem etwas zu leid, „Der Saud dieser Wüste

Gewöhnlich war Niemand ja da. „Dieser Sand sei, o Dei

Ihr guten Deutschen, fallt manches Mal
Das Zahlen der Steuern Euch schwer,

Und gebt Ihr mit Seufzen das liebe Geld,
Das sauer verdiente, her —

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Sandhändler.

:rkte man sehr: „Pardon", rief der Sultan, „der Sand ist mein,

eru im Land, Ich herrsche darin absolut,

on Sansibar Doch geb' ich ihn billig, o kaufen Sie

dem Saud. Meinen Sand mir ab, sei'n Sie so gut."

er die Schnapsflaschc leer, lind Deutschland kaufte den ganzen Saud
hundert Frau'n — Um fünf Millionen baar,

in Elend, ich muß Dieweil für die Kolomalpolitik

ich jetzt schau'n!" Er dringend uns nothwendig war.

md Deutschland des Wegs, Das ist eine Freude im Sultauspalast,

h. Das ist nun ein Jubel, ein Glück!

", Old-England sprach, Die Schuapsflasche voll und der Harem ergänzt
ckschlaud, für Dich." Um Frauen, zweihundert Stück.

O denket, daß dafür in Afrika
Ein Reichthum an Sand uns lacht,

Und daß Ihr dem Sultan von Sansibar
Damit eine Freude macht!

Berlin, Ende Oktober

Lieber Jacob!

De scheeuen Dage von Oranienburg sind nu vorbei, et is Herbst, un
zwar ecu ziemlich beeser, trostloser Herbst Laß Dir draußen uich blicken,
d nu et kann Dir leichte Passireu, det Dir so'u Sountagsjäjer 'ne Ladung
Häseuschrot in den Körpertheil riujagt, den man sonst blos zum Sitzen
jebraucht. Det knallt da draußen, als ob det roochlosc Pulver ieberhaupt
noch uich erfunden wäre, uu >vo doch nu schon jeder Rekrut mit umzujehcu
versteht, wenn er uff Birjer schießt, wie neilich in Kottbus — aber kannste
det die Sountagsjäjer verdenken, wenn sc uff de Jagd sehen un schließlich
danach trachten, so'u armct Mitjlied der Familie Lampe det Lebenslicht aus-
zublasen? Ick »ich, objleich ick jarkccu Liebhaber von unnützet Blutvergießen
bin. Aber, Jacob, denke Dir an, ick lese doch neilich in mein Leibblatt,
det oogcnblicklich in Berlin.Haasenfleesch billijer is wie Kalbflcesch.

Die Jeschichte kommt mir uu doch een biskeu putzig vor, un da ick in
meinen Haushalt woll Alles essen kann, aber uich Mens zu wissen brauche,
werde ick mir au det Kicheudepartement ranschleichcu un da so sachtekens
Erkundijungcn inziehen. Jh, ick denke doch jleich, mir laust der Affe, wie
ick da denn nu höre, in wie dheire Verhältnisse wir leben; natierlich erfahre
ick denn ooch jleich, det det von die Villen Zölle herkommt, weswejen ick
ooch beantragen werde, det et von jetzt ab heeßt: Jeder Mann ecu Zoll. Et
is beinahe hier ieberhaupt uich mehr auszuhalteu jewesen, uu et wundert mir blos,
det de Berliner im Alljcmcineu immer noch bei juter Laune jeblieben sind.

Aber et is Herbst, Jacob, un der Wind seift durch de Straßen, det et
man sonne Art hat, uu de armen Leite missen sich nu nach de Winterfeirung
Umsehen. Na, det is vor Manchen ooch ceu bcesct Stick Arbect, denn mit
de Arbect selbst wird et ooch alle Dage mießer. Det is een sehr traurijet
Kapitel, denn wenn 'ne Arbeeterfamilie in'n Herbst un Winter in 'ne kalte
Bude sitzen soll, denn hcert det Verjniejen janz von selbst ufs. Wenn man
sich sonne richtije Vorstellung von det jräßlichste Elend machen will, denn
muß man die Listen Nachsehen, die z. B. der Ashlvercin für Obdachlose
veröffentlicht. Ick kann Dir sagen, Jacob, denn spierst De erst so recht,
wat unter die jlänzende Außenseite der Metropole der Jntellijenz eijcntlich
vor Noth und Elend schlummert. Na, et is blos jut, det de Reichen un
Vornehmen det Herz immer noch ufs'u richtijen Fleck haben. Da lese ick
doch neilich, det sich also ooch Widder een paar vornehme Damen zusammen-
jefundeu haben, die durch eenen sojeununteu Bazar von Jruud ufs de soziale
Frage lösen wollen.

Weeßte, Jacob, et waren Thräneu wirklicher Riehrung, die mir iebcr de
Backen liefen, als ick det las. Nu wußte ick doch janz bestimmt, det der
arme Mann noch nich verloren is, denn von sonne Damenkomites, da muß
ja Rettung kommen. Wat will denn ieberhaupt de janze sozialdemokratische
Partei ausrichten, wenn sich so'u Vierteldutzcnd richtije Kominerzienräthiuueu
zusammenfinden, lassen Strimpe stricken, verkloppen die, uu beseitijcn uff die
Weise mit Eenmal sämmtlichet Elend, wat sich in alle Ecken der Welt vor-
fiud't. Ick habe schon orndttich Manschetten, det durch det Vorjeheu der

Die Kornrölle.

Zeitgemäße Enthüllung von Hans Flux.

ar viele Leute im Deutschen Reich beklagen sich, daß das Brot so
theucr ist. Das kommt natürlich von den hohen Körnzöllen.
Weshalb aber diese so hoch geworden, das hat sich bis jetzt Niemand
so recht zu erklären gewußt. Wir wissen cs und wollen es
auch — im Vertrauen — unseren Lesern mittheilen. Wir wissen nämlich
mehr als gewöhnliche Sterbliche.

Also:' Die kleine Ella war eine der niedlichsten Erscheinungen, die jemals
beim Ballet gewesen. Wenn sie in den kurzen Gazeröckcheu über die Bühne
hüpfte, so schien sie die Bretter, die die Welt bedeuten, gar nicht zu berühren.
Und welche zierlichen Beine, welcher schlanke Wuchs! Welches reiche schwarze
Haar, das um den stolzgetragenen Kopf wogte! Hub erst die Augen, die
aus dem rosigen Antlitz mit dem Stumpfnäschen funkelten! Wohin sie ihre
Blitze sandten, da gab es große Verheerungen; schier die ganze zuschauende
Männerwelt fühlte sich nach einem Solo der kleinen Ella in ihren Herzen
tief verwundet. Aber die Meisten schlichen betrübt von dannen, denn Ella
war spröde. Kaum daß sie sich herbeiließ, die kostbaren Kränze und Bouquetts,
die man ihr auf die Bühne warf, auch nur aufzuheben.

„Ich glaub', ein zärtlicher Blick von ihr kostet tausend Mark", sagte
seufzend ein kahlköpfiger Theaterlöwe, der umsonst durch auffallendes Applau-
diren und reiche Blumcnspcuden die Aufmerksamkeit der kleinen Ballerina
auf sich zu lenken versucht hatte. Hunderte seufzten wie er.

Aber was zum Teufel hat denn die kleine Ella mit den Kornzöllen zu
thuu? fragt die geneigte Leserin. Nur Geduld; die Wege der Weltgeschichte
sind oft wunderbar.

Und so stand eines Morgens die hübsche Ella in einem eben so reizen-
den als koketten Negligü vor' dem Spiegel und betrachtete wohlgefällig ihre
zierliche Gestalt.

„Er muß dran glauben", sagte sic mit einem dämonischen Lächeln.

Als einige Minuten später der Lieutenant Guido von Donnersmarck
van den Kürassieren bei der Ballettänzerin eintrat, lag diese wie hingegossen
auf einem Divan. Sie hatte das Antlitz in ein Schlummerkissen vergraben.
Sie reichte, ohne sich umzusehcn, dem Lieutenant ihre kleine, mit kostbaren
Ringen bedeckte Hand zum Kusse hin.

Der Lieutenant, ein himmellanger Mensch unt einem sehr gewöhnlichen
Gesicht, sank vor dem Divan auf die Kniec, was ihm nicht ganz leicht von
statten ging, da seine schweren Reiterstiefel ihm dabei etwas hinderlich waren.
Mit seinen etwas plumpen Händen griff er nach dem zierlichen Händchen
Ellas und bedeckte dasselbe mit glühenden Küssen. Ella regte sich nicht.

„Ella!" seufzte er zärtlich.

Endlich hob sic ihr Gesichtchen aus dem Kissen empor. Es war von
Thränen überströmt.

Der lange Kürassier ward ganz bleich vor Schrecken.

„Was ist Ihnen, thcuerste Ella?" stammelte er

Keine Antwort.

„Zweifeln Sie au meiner Liebe?" fragte er gepreßt und drückte seine
beiden Hände auf die Brust.

Ella wandte die Augen mit einem unbeschreiblichen Ausdruck nach ihm.
Sie hätte wohl gerne spöttisch gelacht, aber sie bezwang sich Sie schüttelte
nur das Haupt und ihre Thränen strömten weiter.

„Oder hat Sic Jemand beleidigt'?" schrie er mit Donnerstimme, auf-
springend und mit dem sporcnklirrendeu Stiefel aufstampfend, daß das Ge-
mach erdröhnte. „Nennen Sic mir den Elenden, damit ich ihn vor meine
Klinge oder meine Kugel fordere!"

Ella fuhr erschrocken zusammen. Sic legte den Finger auf den Mund
und lispelte: „Nicht so laut! Es hat mich Niemand beleidigt!"

Der ungestüme Kürassier suchte sie au sich zu ziehen, indem er ausrief:

„So quälen Sie mich nicht länger und sagen Sie mir, womit ich Ihnen
helfen kann!"

Ella senkte schamhaft die Augen nieder.

„Ich mag es nicht sagen", lispelte sie.

„Sprechen Sie!" drängte der Ritter.

Sie entwand sich seinen Armen und sprach:

„Morgen tritt meine Nebenbuhlerin, Seuuora Tcresita aus Madrid auf.
Von dem morgigen Erfolge hängt es ab, tver erste Balleteuse werden soll.
Sie tanzt zuerst, daun ich. Welche dem Publikum am besten gefällt, die
wird der Direktor vorziehen!"

„Sie werden triumphiren!" sagte der Kürassier.

Sie sah traurig vor sich hin.

„Ach", meinte sie, „das ist nicht so einfach. Meine Rivalin hat einen
herrlichen Brillantschmuck. Das Publikum sieht so sehr auf das Aeußcre."
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