Der wahre Jakob: illustrierte Zeitschrift für Satire, Humor und Unterhaltung — 7.1890

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jloobe, et lohnt sich nich mehr so recht, davon noch zu sprechen, denn wie
lange wird et denn dauern, denn siebt et in unser jeliebtet Vaterland ieber-
haupt kcene Zivilisten mehr. Ick finde nämlich selbst, dct die mit der Zeit
ieberhaupt jänzlich ieberflissig werden, denn wat die ieberhaupt bei uns wollen,
det is mir schleierhaft. Mcrschtendcehls mucken se blos uff, det se keenc Stciern
bezahlen wollen, oder wenn se Arbeeter sind, det se keeue Arbeet haben
oder den Schlunk nich voll jenng kriejen können, weil sc nischt verdienen
— ick wccß wirklich nich, warum de Rejicrung nich schon längst uff den
lichtvollen Jedanken jekommen is: Alles ieberhaupt rin in de Kaserne, da
siebt es alle vier Dage een Kommißbrot, un wer dajcjen uffmuckt, der
kommt bei Vater Philipp'n, da werden sc ihn de Eisbccne schon knicken.
Denn wirde ooch endlich mal die Stänkcrei in'n Rcichsdag uffheeren, wo
sich der Kricjsministcr um een paar lumpise Hundert Millionen Fusseln an'n
Bart reden muß, un wo von de andere Seite een Haufen Makulatur dajcjen
jeqnasselt wird, det jeder Feldwebel ieberhaupt Bauchschmerzen kriegt. Dct
muß anders werden, det scheint de Rejicrung nu inzusehen; sechste woll,
Jacob, un wat zum Beispiel de richtijen Freisinnijen sind, die jeben ihr ja
nu ooch vollständig recht, un den Anfang haben se damit jemacht, det se
Eijcn Richtern eenen Fußtritt in den Körpertheil jcjcben haben, auf den er
jewehnlich sitzt.

Det war nämlich Eener von die Hauptkrakehlcr. Wenn nämlich der
Kricjsmiuister 'n Paar Jefreitenknöppe mehr vertheilen wollte, wecßte, denn
hat Dir nämlich der brave Eijeen doch de Futterluke uffjerissen, dct De
denken konntest, et sollen een Paar Armeekorps Parade drin abhalten. Det
paßte natierlich de Freisinnijen nich, un Richter mußte abjehalstert werde».

Ick jloobe, der Richter hätte sojar jejen die neie Uniform, Du weeßt doch,
von wejen die Kniestrimpe, jered't, na, un da kennste nu Rickert'n un die
andere Sorte man verflucht flach, wenn De jloobst, det se darieber nich
vielleicht 'n riesijen Wurm jekriegt hätten. Ick hoffe man blos noch, det de
Freisinnijen nach den ollen Jrundsatz handeln: „Pack schlägt sich, un Pack
verdrägt sich" un det se den Riß kinstlich verkleistern werden, un det se
Richtern schließlich 'n Paar Ehreneskarpins verehren, denn tvird sich det
Jeschrei schon Widder lejen, un de Militärforderungen werden bewillijt, un
Alles bleibt Widder so scheen wie et vorher ooch war.

Aber ick will natierlich nischt jesagt haben, denn et wäre mir wirklich
schrecklich, wenn ick dazu beijetragen haben sollte, det sich de Freisinnijen
»ich verdragen. Alles verdrägt sich ja uff diese scheene Welt, ick jloobe
sojar, det sich ©min, Stanley un Doktor Peters, wat doch jetzt so ziemlich
de berichmtesten Männer sind, uff Du un Du stehen, un det se hecchstens
süchtig werden, wenn Eener sagt, det Keener von ihnen Afrika entdeckt
hätte. Da fehlte denn janz alleene noch Wißmann, denn is det vierblättrye
Kleeblatt fertig — ick sage Dir, Jacob, da kann ecu Nejer noch so schwarz
sind, die Viere kriejen ihn ooch nich weiß, un wenn se ihn den janzen Dag
mit schwarz Secfe abrubbcln — womit ick verbleibe erjebenst un mit ville
Jrieße Dein treicr Jotthilf Naucke.

An'n Jörlitzer Bahnhof jlcich links.

Hobelspähne.

Bon einer bevorstehenden Annäherung Ruß-
lands an Deutschland wurde neuerdings viel
gesprochen. Ich vermuthe, die Annäherung des
russischen Bären wird darin bestehen, daß er sich
wieder einmal an uns zu reiben sucht.

* *

*

Ein seltenes Genie muß der General Hahuke
sein. Bismarck schreibt ihm die Hauptursachc seines
Sturzes zu; Hahnke hätte demnach die letzten
Reichstag sw ah len, deren natürliche Folge der
Sturz Bismarck's war, in ganz eminenter Weise
beeinflußt und das für Bismarck vcrhängnißvollc
Resultat herbeigeführt. Und er hat eine solche
Leistung so heimlich vollbringen können, daß bis
in die neueste Zeit das große Publikum von der Existenz eines Generals
Hahuke gar keine Ahnung hatte!

In dieser heißen Sommerszeit
Da ruht der Großen Thätigkeit,

Es reist in's Bad der Diplomat,

Es feiert der geheime Rath,

Die Weltgeschichte läuft allein —

Die Könige der Industrie,

In Sommerfrische bummeln sie,

Der Staatsanwalt tritt Ferien au,

Doch tritt in Streik der Arbeitsmann,

Sie Alle, Alle Zeter schrei'n.

Darin ich die Moral erblick':

Ohn' Schaden für der Welt Geschick
Darf all' der Andern Wirken ruh»,

Nur nicht der Arbeit fleiß'gcs Thun.

* *

*

Man sagt immer: Hochmnth kommt vor dem Fall. Nach dem
Treiben der Bismarck-Offiziösen zu schließen, scheint aber Hochmnth auch
nach dem Falle noch eine geraume Zeit anzudauern.

* *

*

Es zeugt immer von Kurzsichtigkeit einer maßgebenden Persönlichkeit,
wenn sie krumme Rücken, die vor ihr erscheinen, nicht krumm nimmt.

Ihr getreuer

Säge, Schreiner.

Dem Herrn Professor war der Doppelkümmel, den er zu der Weißen
tratik, in den Kopf gestiegen; sein Selbstgefühl war erwacht. Einen Augen-
blick bedachte er sich; dann aber konnte er nicht mehr an sich halten und
sprach mit Würde:

„Morgen werde ich Minister werden!"

„Hurrah!" schrie der ewige Student, „unser Freund wird Minister!
Er lebe hoch!"

„Hurrah!" schrieen die anderen Studenten mit, „er lebe hoch!"

Der Kellner eilte herbei.

„Fünf neue Doppelkümmel!" rief Fritz Springer. „Und dann auch
fünf Weiße!"

Der Ministerkandidat wehrte sich noch etwas, schließlich aber gab er nach
und so kam cs, daß er sich einen gewaltigen Rausch antrank. Dabei plau-
derte er allerlei und schwatzte schließlich so dummes Zeug, daß die Studen-
ten sich erstaunt ansahcn. Sie sagten sich schließlich etwas in's Ohr und
lachten, wie über einen glücklichen Gedanken.

Es war schon spät, als der künftige Minister vor seinem Hotel anlangtc.
Fritz Springer hatte ihn bis hierher gebracht; er übergab ihn dem Portier
mit den hcrvorgcstammclten Worten:

„Da bring' ich Ihnen den zukünftigen Herrn Kultusminister!"

Der Portier sah die schwankenden Gestalten sehr erstaunt an und
schüttelte den Kopf. Sodann wurde der Professor vom Hausknecht die Treppe
cmporgcleitet.

Als der Hausknecht wieder herab kam, sagte er zum Portier:

„Dem mag der liebe Gott gnädig sein. Seine Frau hat seit fünf Stun-
den auf ihn gewartet."

„Nun kommt er mit solch' einem Affen", antwortete der Portier.

„Und dazu meint er, er würde Minister werden", fuhr der Hausknecht
fort. „An der Thür hat er mir einen Thaler geschenkt und gesagt, morgen
würde ich ihn per Exzellenz anrcden müssen."

„Du lieber Gott!" meinte der Portier, „wenn der Minister würde!
Das möchte eine nette Regierung werden!"

Schlimmer dachte noch die Frau Professorin, die schon zu Bette lag, als
ihr Mann hereinschwankte. Der Angstschweiß brach ihm aus, denn nun
erwartete er eine tüchtige Lektion von seiner Ehehälfte.

Aber diese Lektion blieb aus in Anbetracht der bevorstehenden wichtigen
Ereignisse. Die Professorin sagte nur:

„Das war das letzte Mal. Nunmehr wirst Du Dich nicht mehr zu
solchen Erzeffen verleiten lassen, die nur geeignet sind, das Ansehen Deines

hohen Amtes zu schädigen. Von Marge: =—
meine Obhut nehmen und werde dafür s> =_
Schwächen keinen Schaden erleide." = co
So sprach die würdige Patriotin > =--
ganze Nacht hindurch, während der Präses -
Gäste in den benachbarten Zimmern nu =-
Thätigkeit. =J:

Anderen Morgens erwachte der Pro -
Katzenjammer. Es war gegen neun Uhr; =-
heraufgebracht. Das Siegel trug den Re = sl
Schreiben lud das Hofmarschallamt mit -
fessor und Abgeordneten Heinsius zu eine, =_
Punkt zwölf Uhr im alten Schlosse ein. = o
Nun war Alles gut; die Professorin
gestrigen Abends und umarmte ihren Ma E
wären. Dann ließ sie ihm einen Härinc ET
nißvoll zurichtete. Der Professor vertrieb —
redete ihm liebevoll zu. Dann fiel sie ih:E
„Während Du zur Audienz gehst, geh
Modemagazin; dem neuen Minister darf s — co
Er hatte nicht den Muth, Nein zu s -
Sie ging; er aber warf sich, als di-
und fuhr nach dem Schlosse. -

Würdevoll schritt er zum Thore hii =—
Namen; er gab mit überlegener Geberde fi E_
ihm, in einem Zimmer zu ivartcn. D -
selber; er gab ihm die Eiuladnug zurück > =J9
künftigen Größe zu verneigen, sprach der t -
„Sie sind das Opfer eines Spaßvog: =-
was Sic hätten sehen können." = lo

Und mit vieler Ironie fügte er Hinz: -
„Der Personalwechsel in der Regier: =.
Dann verschwand er. -

Der Professor seufzte: „Ach, Fritz Sp =—
streiche!" — dann taumelte er nach seine:
Juweliere und Modewaarenhändlcr vorfa: -
Wir unterlassen es, das Wiedersehen=_£?
ist immer noch von „gemäßigt liberaler' -
Mnjill-rwahn fnrirt ist?

— CM



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