Der wahre Jakob: illustrierte Zeitschrift für Satire, Humor und Unterhaltung — 7.1890

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Nr. 103.

Preis pro Nummer IO Pfennig.

1800

Erscheint monatlich zweimal.

Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Kolporteure, sowie durch die Post (eingetragen unter Nr. 6326 a)

Berlin. „Ich möchte gerne den kleinen Beamten helfen, wenn ich
nur das nöthige Kleingeld hätte", sagte Windthorst, — da bewilligte er
die Militärvorlage.

Helgoland. Unsere rothe Insel ist vor Schreck ganz mausgrau
geworden. Sie wird jetzt eine schwarz-weiße Kante kriegen.

Paris. Nachdem Conflans vom russischen Zaren einen Stanis-
lausorden erwischt hatte, stellte es sich heraus, daß die Nihilistengeschichte

eine Erfindung der französischen Polizei ist. Der Zar verlangt jetzt den
Orden zurück.

London. Der dicke Strich, der in Ostafrika die englischen und
deutschen Interessen trennen soll, wird mittelst eines preußischen Zann-
pfahls gezogen werden.

St. Petersburg. Die auswärtigen Theilnehmer am internatio-
nalen Gesängnißkongreß lehnten die Besichtigung der russischen Gefäng-
nisse ab unter der Motivirnng, daß es wohl sehr leicht sei, hineinzn-
kommen, desto schwerer halte dagegen das Herauskommen.

A r b e i k r r - S ch u ff.

Durch die Hütten, im schweigende» Forst verstreut,
Durch die Dachspelunkeu und Kellerscharten,

Durch des Elends Kammern geht fiebernd hent
Ein zages Hoffen, ein bang Erwarten,

Und cs irrt wie ein matter Sonnenstrahl
Der Lebensfreude zu Nacht und Morgen
Um Kinderlippen, die welk und fahl,

Uin braune Stirnen, zerpfliigt von Sorgen.

Die mit eisernem Fuße man oft zertrat

Mit der Herrschsucht, mit der Habsucht Grollen

Es wagt sich schüchtern die junge Saat

Mit lichtgrünen Spitfen ans schwarzen Schollen.

Die Menschenherzen, sie hoffen so gern

Und grüfie», als müsse das Dunkel nun weichen,

Mit feuchten Augen den ersten Ster»,

Als könne er nimmer wieder erbleichen.

Der rechte Glaube, die rechte Lust,

Der Muth sogar, um ihr Recht zu bitten,

Sie fehlen freilich in jeder Brust —

Die Massen habe» zu lange gelitten;

Sie haben da unten zu lange schon,

In ohne Wechsel sich schleppenden Tagen,

In dumpfem Schweigen, den bitter» Hohn
Der siegessichern Willkür getragen.

Sie wissen zu gut, wer wider sie steht
Und wo ihr ewiger Feind zu suchen;

Sie wissen, im Winde verweht das Gebet,

Sie wissen, im Kerker verhallt das Fluchen.
Nicht flucht, noch betet heute der Knecht,

Es denkt zur Stunde, was hörig geboren,

Es fühlt sein Elend, es kennt sei» Recht
Und nur die Hoffnung ging ihm verloren.

Was soll er hoffen? Er ist kein Kind.

Die Berge kreißen — was wird cs ihm nützen?
Den» kennt er sic nicht, die versammelt sind
Und entbrannt von Eifer, um ihn zu schützen?
Die Borsicht, die sitzt ja den Herrn im Mark,
Sie fürchten ewig ein Durchgeh» der Pferde;
Der Wein des Gesetzes ist viel zir stark
Sie trachten, daß er verwässert werde.

Die „Sachverständigen" ans jedem Gan,

Sie sorgen dafür in ernster Runde,

Daß nur hübsch fad das Getränk und lau
Und daß es am Ende wie Spühlicht munde.
Denn fehlt es am Willen im hohen Hans —
Und ohne ihn ist die Mühe verloren —

So wird eine lächerlich winzige Maus
Am Ende vom kreißenden Berg geboren.

Doch drum nicht muthlos! und geht es gleich

Nur Tchrittchen für Schrittche» und Brocken für Brocken

Es kommt die Arbeit im Deutschen Reich,

In ganz Europa nicht wieder ins Stocken.

Und lösen wir mühsam auch Stein um Stein
Aus de» Mauern der Zwingburg hin und wieder —
Einst wird der letzte erstritten sein,

Dann senkt sich der goldene Frieden hernieder!
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