Der wahre Jakob: illustrierte Zeitschrift für Satire, Humor und Unterhaltung — 9.1892

Seite: 1216
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Otto Reimer f

wiederum hat die deutsche sozialistische Arbeiterpartei einen
Kämpfer für ihre gerechte Sache, zugleich auch einen
Märtyrer verloren.

Wahrhaft erschütternd wirkte im Kreise unserer
Partei, besonders in Hamburg-Altona, die Nachricht, daß unser
allzeit treu bewährter, allgemein beliebter Genosse Otto Reimer
freiwillig ans dem für ihn so traurigen Dasein des Lebens schied.

Sein Leben stellt sich dar gleich dem der Mehrzahl des Prole-
tariats. Er kämpfte mit den Widerwärtigkeiten des Lebens, so lange
die Kräfte reichten; jedoch als er fühlte, daß sie versiegen würden,
schied er freiwillig aus dem Leben.

Es lohnt sich wohl, auf seinen Lebensgang einen Blick zu werfen.

Otto Reimer wurde in einer kleinen Stadt Hannovers am 26. Mai
1841 geboren. Er erlernte das Zigarrenmachergeschäft und kam in
den sechziger Jahren nach Altona. Im Jahre 1867 schloß er sich
als überzeugter Lassalleaner dem „Allgemeinen deutschen Arbeiterverein"
an und wurde bald darauf zuin Vorsitzenden des Zigarrenarbeiter
Verbandes erwählt. Auf Grund seines aufrichtigen und biederen
Charakters genoß er in den Arbeiterkreisen schon damals eine allgemeine
Achtung und unbedingtes Zutrauen.

Was die deutsche Volksschule an seiner
geistigen Ausbildung versäumt hatte,
das ersetzte sein praktischer Verstand
und seine Lebenserfahrung in doppelter
Weise. Er war nie ein phrasenreicher
Redner, aber er wußte seine Zuhörer
durch die Macht der eigenen Ueber-
zeugung zu gewinnen. So konnte es
nicht ausbleiben, daß er, für die damalige
Zeit ein außergewöhnliches Ereigniß, in
einen: ländlichen, dem neunten holsteini-
schen Wahlkreise im Jahre 1874 in den
Reichstag gewählt wurde.

Bei den Wahlen im Jahre 1877
erlag er den verbündeten reaktionären
Parteien. Er wurde ein fleißiger und
tüchtiger Mitarbeiter am „Hamburg-
Altonaer Volksblatt." Diese Zeitung
wurde, sobald das Sozialistengesetz in
Kraft getreten war, unterdrückt. Reimer
verblieb indessen in gleicher Stellung
bei der „Gerichts-Zeitung." Aber er
sollte die Verfolgungen jener Zeit in

ihrer ganzen Schärfe kennen lernen. Als 1880 der Belagerungs-
zustand in Folge des Ausnahmegesetzes auch über Hamburg-Altona
und Umgegend verhängt wurde, war Otto Reimer einer von den
Ersten, welche durch Ausweisungsbefehl aus dem Vaterlande ver-
trieben wurden.

Bezeichnend für Otto Reimer ist, wie er damals bei der grassirenden
Spitzelei die rothe Fahne der Partei in Altona vor den Spähern
und Häschern behütete. Freilich knüpfte an diese „rothe" Fahne sein
Herz nicht nur die ihn durchdringende wahrhafte Menschenliebe, seine
Ueberzeugung für die Nothwendigkeit des endlichen Sieges des Prole-
tariats, sondern auch die Liebe zu seiner braven, treuen Lebensgefährtin.
Sie hatte ihm bei einem Feste der sozialdemokratischen Arbeiterpartei
in Altona, bei welchem er die Festrede hielt, als blühende Jungfrau
das „rothe" Banner der Liebe überreicht. Da hatten auch ihre Herzen
sich gefunden. Sie wurde sein Weib, folgte ihm ins Exil nach Amerika
und die rothe Fahne, vor den Augen der Späher bewahrt, ging mit
ihnen über den weiten Ozean.

Auch in den Vereinigten Staaten Nord-Amerikas blieb Otto
Reimer stets der Sache des Proletariats getreu, unter allen trüben
Kämpfen des täglichen Lebens. Als vernünftiger und klar denkender
Proletarier hatte er besonders dort manchen Strauß mit den konfusen
Anarchisten Most'scher Sorte zu bestehen. Sein letzter fragmentarischer
Aufsatz, dessen unvollendetes Manuskript er unser»: Genossen Jakob
Andorf anvertraute, handelt von seinen Erlebnissen mit den Anarchisten
in Nord-Amerika.

Leider hatte Reimer, als Berichterstatter der „New Aorker Volks-
zeitung," das Unglück, in Folge eines unglücklichen Sturzes von einem

Tramway-Waggon sich einen schweren Schaden des rechten Beines
zuzuziehen, so daß ihm dasselbe amputirt werden mußte und er der-
gestalt später mit einem künstlichen Bein wieder nach Deutschland
zurückkehrte. Zuerst ging er mit seiner Familie nach Hannover und
als das Sozialistengesetz erlosch, kam er im Oktober 1890 wieder nach
Hamburg. Bei dem Willkommen, welches die Hamburger Partei-
genossen den aus dem Exil wieder in die Hei'math Zurückkehrenden
bereiteten, hielt Reimer noch eine zündende Rede in Tütge's Etablisse-
ment. Jeder Anwesende freute sich, daß Reimer noch so frisch und
geistig rege wieder zurückgekehrt war.

Leider hat diese Freude nicht lange dauern sollen. Als Mit-
arbeiter des „Hamburger Echo" war er in den letzten Jahren wohl
gegen die nackte Sorge des Lebens geschützt; leider hatte seine treue
Lebensgefährtin unter den ihr aufgedrungenen, durch die Reaktion
über sie und ihre Familie verhängten Drangsalen und Entbehrungen
ihre Gesundheit eingebüßt. Im vorigen Jahre unterlag Reimer's
Frau einer langjährigen unheilbaren Krankheit. Schreiber dieses weiß
sich keiner ergreifenderen Proletarier-Beerdigung zu erinnern als der-
jenigen, bei welcher er mit Reimer und seinen weinenden fünf

Kindern, das jüngste war zu Hause
geblieben, in Gemeinschaft mit einigen
Genossen an der Armengruft stand
und der tiefgeprüfte Mann mit vor
Schluchzen erstickter Stimme einige
Worte der geliebten Dahingeschie-
denen nachrief, einige Erdschollen auf
ihren in die Tiefe versenkten Sarg
werfend.

In wenig Monden ist nun unser
Reimer seinen: Weibe dahin nach-
gefolgt, woher Keiner mehr wieder-
kehrt.

Seine letzte Sorge waren, wie es
nicht anders sein konnte, seine Kinder.
Sein ältester Sohn, jetzt vielleicht
achtzehn Jahre alt, befindet sich als
jugendlicher Arbeiter im mechanischen
Fache in New Jork. Aber sechs
Waisen sind in Hamburg zurück-
geblieben. Wir schließen deshalb wohl
am besten diesen Nachruf für unfern
so traurig dahingeschiedenen Genossen
Otto Reimer mit den Versen, welche
sein Freund, dem er seinen letzten Willen anvertraute, ihn: bei
Gelegenheit seiner imposanten Beerdigung widmete:

Wie treu er war, wie ganz er sich zu eigen
Dem heil'gen Kampf der Volkesrechte gab,

Das mag uns wohl die rothe Fahne zeigen,

Die jetzt im Trauerschmuck ihm folgt zum Grab'.

Er sorgte, sie im Lebenssturm zn bergen,

Sie, der er treu bis in den Tod verblieb,

Daß sie nicht fiel in Hände strenger Schergen
Als man hinaus ihn von der Heimath trieb.

„Getreu der Fahne, der ich zugeschworen,"

Das war sein Wahlspruch selbst in Noth und Leid,

Und wenn wir ihn als Kämpfer nun verloren —

Seii: Wahlspruch sei auch unser alle Zeit!

Wie inair uns mag auch quälen und bedrücken,

Ob in des Lebens Noth noch Mancher fällt,

Ein neuer Kämpfer tritt stets in die Lücken,

Der muthig hoch der Liebe Banner hält.

Doch laßt, Genossen, jetzt uns auch beweisen,

Daß uns die Liebe wahrhaft offenbar;

Laßt uns gedenken der verlass'nen Waisen,

Seht unsers Reimer arme Kinderschaar!

Sie waren seine einz'ge theure Habe,

Sic hat er als Vermächtniß uns verlieh»,

Drum sei's gelobt an seinem off'nen Grabe,

Daß wir als Freiheitskämpfer sic erzieh»!

Verantwortlich für die Redaktion: Georg Baßler in Stuttgart. — Druck und Verlag: I. H. W. Dietz in Stuttgart.
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