Der wahre Jakob: illustrierte Zeitschrift für Satire, Humor und Unterhaltung — 17.1900

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-s° Dorüöergebenöe Ärschemungen.

Als sich Vaöeuf berauscht an dem Gedanken,
Freiheit und Gleichheit sei das hehre Ziel
Nur alle Welt, nicht nur sür's Volk der Nranken,
Da wagt' er Alles und — verlor das Spiel.

Wan war recht grob in jenen düstern Tagen,

Wo auf's Schaffott die Vlülhe Nrankreichs stieg;
Wan hat den Kopf ihm einfach abgeschlagen,

Das Mittel hat geholfen, denn — er schwieg.

Dann kam die Zeit der edlen Utopisten,

Die Mancherlei ersonnen und geträumt.

Doch hätten auch die Scheiterhaufen-Ähristen
Mit ihnen gern und gründlich aufgeräumt.

Indeß die Zeit war höflicher geworden,

Die Guillotine war nicht mehr bon ton;

Wan konnte sie leibhaftig nicht mehr morden,

Die Nourier, Äabet und Gras Saint Simon.

Im Völkerleöen drängt' sich Well' auf Welle
And was zur Zeit anscheinend sicher steht,

Vreilbeinig fest auf der gewohnten Stelle,

Ist morgen schon versunken und verweht.

Auch die Gervalt'gen, die das Staatsschiff lenken
Und wetterfest am Steuerruder stehn,

Lat man sich als Ärscheinungen zu denken,

Die sterblich sind und die — vorübergehn.

Wie einst die (Kunst der Stunde sie geboren,

Wie sie die Zeit beseelt mit ihrem Lauch,

So gehen sie zu Grunde und verloren
Als ein Gebitd der Zeit, wie andre auch.

Mur Schall und Rauch sind auch die schönsten Namen,
Die leicht sich in ihr Gegentheit verdreh»;

All' die Vartei'n: Ärscheinungen, die kamen
Und demzufolge auch — vorübergehn.

Und Nerdinand Lassalle, troff aller Tadler,
Äin Volkstribun, wie keiner kühn und scharf,
In seinem Kopfe horsteten die Ädler
Und seine Narrst Jupiters Vtiffstraht warf.

(bar Mancher scheu zurücktrat vom Valkone,
Wenn er, von Ueberängstlichkeit erregt,
Vernahm den Schritt der Rrbeitsbataillone,
Doch hat der Schreck bei Zeiten sich gelegt.

Nest aber stehn in unbarncherz'ger Klarheit
Und lähmen selbst den Äisenarm der Zeit:

Das Menschenrecht der Gleichheit und der Wahrheit,
Die Norderungen der Gerechtigkeit,

Und die Vartei, auf deren reine Waffen
Leraß den Sieg der Ärmuth Thränen ffehn,

Lat nichts mit den Ärscheinungen zu schaffen,

Die ephemer sind und — vorübergehn.

Inhalt der Unterhaltungs-Beilage.

Noli me tang-ere! Gedicht nebst Illustration. — Re-
flexionen. — Mefchugge. Illustration. — Erkenntniß. —
Der Hering. — Der Sternenhimmel in der Fastnachtszeit 1900.

Blihdraht-Meldungen.

Berlin. Nachdem die Negierung ermittelt hat, daß wir
mehrere hundert Millionen Mark jährlich für Wasserzwecke
übrig haben, sind die Parteien des Reichstags dahin überein-
gekommen, daß man nicht das ganze Geld ins Wasser werfen,
sondern fünfzig Millionen davon für die Erhöhung der In-
validen- und Unfallrente der Arbeiter verwenden soll.

— Der Skaiklub „Grün-Unter" hat den Grafen v. Blllow
als Redner zum Stiftungsfest gewonnen.

— Graf v. Bülow in Stettin hat festgestellt, daß Reichs-
tag und Flotte Geschwister sind. Nunmehr wird gegen den
Staatssekretär Tirpitz wegen qualifizirter Kuppelei vor-
gegangen werden

— Da die Konservativen vorläufig die Verfassung nicht
abschaffen können, so begnügen sie sich einstweilen mit An-
griffen auf die Bäckereiverordnung.

— Eine Versammlung des Bundes der Landwirthe be-
schloß, auf eigene Kosten einen Kanal nach Berlin bauen zu
lassen, um der Hauptstadt billiges Getreide direkt zuführen
zu können.

— Der Reichskanzler Fürst v. Hohenlohe hat unvor-
sichtigerweise einer Einladung Folge geleistet und bei Miguel
zu Mittag gegessen. Nach kurzer Zeit wurde Onkel Chlodwig
von Halluzinationen befallen, so daß er fortwährend schrie:
Der Kanal tobt sich aus, er ist nur eine vorübergehende Er-
scheinung ! Einige von Tirpitz verordnete kalte S e e w a s s e r -
Umschläge führten eine leichte Besserung herbei. Heute früh
war der Reichskanzler wieder ganz flott.

Aus fernen Zonen. Nachdem die Engländer vergebens
die ganze Welt durchsucht hatten, um einen Menschen zu
finden, der Sympathie für ihre Räuberpolitik bezeigt, fingen
sie an, amerikanische, deutsche und russische Schiffe auf dem
Weltmeer anzuhalten. Aber der gesuchte Schafskopf war auch
da nicht zu entdecken.

Vom Kasernenhof.

Haupt mann: Das Schimpfen, wie Mond-
kalb, Rhinozeros, faules Aas u. s. w. paßt nicht
mehr in unsere Zeit. Ich mache die Herren
Feldwebel und Unteroffiziere auf das Ungehörige
dieser landläufigen Anreden aufmerksam. Sollten
kräftige Ausdrücke nothwendig werden, so kann
man sagen: Seehund, Stockfisch, Meerschwein,
Walroß, Seekuh, faule Krabbe, Seebulle, Tinten-
fisch.

Mnsere Ikrotomen.

Deutscher /Diebel! Schwarzen Andanks
Schwerer Schuld wirst du geziehen,

LAenn dein Derz nicht in Wcgcist'rung
Schlägt kür uns're Kolonien,

MIenn d» nicht, um sie zu schützen,
zfrob dir lässt die Duschen leeren
Für die grosse MIeltmacktilotte,

Die uns kehlt auk kernen aheeren.

Denk' doch — Framerun, die lperle,

Meicb un Nkken, reich un Sunde,

Mielchen Mutzen schon gewährte
Sic dem deutsche» oouttcriunde!
avuncvcs Fässlein deutschen Schnapses
Dat man dorten landen sebe» —

Men» wir llrumerun nicht hätten,

Leb, wie konnten wir bestehen?

Auch im akritunsehen Dslcn
Lacht uns Lund i» reicher Fülle,

Selten nur ein wenig Fieber
Stört des lpulmenbutns Adrlle;

Lind es Kum der deutsche Mume
Wei den dAildcn dort zu Lbrc»,

Meters, Schröder und Ilronsortcn
Sorgte», seinen Ikubm zu mehren.

Mleitcr, /Wickel — sug' es ehrlich:

Lucbt das Dcrz dir nickt im Leibe,

MIenn du denkst, dass IN lau tschau such
Ammerdur dein eigen bleibe?

,,Leimstadt" oder „Drecklocb" heisst es
MIcbl uuk Deutsch — man speist dort Mutten;
Acb. wie waren doch so arm wir,

LIs wir Ikriuutschau nicht butten!

Lndlicb ist der Ilrarolinen
Mcicbtbum uns noch zugekullen;
tllnd um Strand der /wariune»

Findet man sogar Iltorullen!

Kraunc, nackte ohcnscbcnbrüder
Linker unserm Schutz dort wohnen,

Lind die schöne» Anseln koste»

Llns nur wenige /Millionen.

/Manches liegt uns noch im Mlege
An de» /Meeren, in den Mllüste» —

Mitt nach weit'rcr MIelt-Lrob'rung,

/Micbel, es dick nicht gelüsten?

Mun, so cii' und nimm die Flotte,

Die der Schweinburg dir emptoblcn —
Staunen wirst du, was der Lülow
Dann dir wird zusummenkolen.

Der Lollrr. -Kw-

von Dr. Satiricns.

Wenn man bedenkt, welche ausgedehnte An-
wendung nach und nach von dem Groben-Unfug-
Paragraphen gemacht wurde, so ist es schwer zu be-
greifen, weshalb von der Anwendung dieses Krimi-
nalprinzips so spärlich Gebrauch gemacht wird.
Wenn eine arme Frau z. B. einen Laib Brot stibitzt,
so ist das Diebstahl und sie kommt ins Gefäng-
niß. Wenn aber eine vornehme Dame im Kauf-
haus eine Spitzengarnitur mitlaufen läßt, so ist
das Kleptomanie und sie wird freigesprochen.

Erst neuerdings hat man mit der Erfindung
des Tropenkollers für die Verbrechen von
Kolonialbestien ä In Prinz Arenberg den Ansatz
zur Fortentwicklung dieser sinnreichen Methode
gemacht. Es ist klar, daß man dabei nicht stehen
bleiben darf. Weshalb soll z. B. bei Kavalieren,
die wegen gewerbsmäßigen Spiels angeklagt sind,
nicht Kartenkoller angenommen werden? Reizt
nicht die gesellschaftliche Atmosphäre, in der sie
sich bewegen, ebenso stark zum Spiel wie das
Tropenklima zu allerlei Brutalitäten?

Mit dem Unzuchtskoller könnte inancher vor-
nehme Schweinigel vom Gefängniß gerettet werden.
Der Duellkoller böte den Zweikampfmördern
Schutz gegen die Verbüßung der gesetzlichen Strafe
in noch größeren Maße als die Begnadigung.

Unternehmer, die auf die Arbeiterschutzgesetze
pfeifen, handeln offenbar unter dem Einfluß des
Profitkollers und es wäre ungerecht, ihnen
Strafe zu diktiren.

Schutzleute, welche schuldlose Personen gröb-
lich inißhandeln, standen unter der Einwirkung
des Polizeikollers. Und für sämnitliche Aus-
schreitungen niederer und höherer Verwaltungs-
organe gegen Sozialdemokraten und Arbeiter
wäre der Begriff Ordnungskoller ein decken-
der Schild.

Man sieht, daß Unsere Strafjustiz am Anfang
des 20. Jahrhunderts noch lange nicht auf der
Höhe ihrer Entwicklung angelangt ist.
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