Der wahre Jakob: illustrierte Zeitschrift für Satire, Humor und Unterhaltung — 22.1905

Seite: 4808
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— 4808

- Aus der Freiheitsbewegung in Rußland. -<?—

Martin Kasprzak.

N)ir veröffentlichen heute wiederum die Porträts einiger
heldenhafter Männer, welche im Kampfe gegen den ge-
walttätigen russischen Absolutismus ihr Leben einsetzten.
Schon früher bot sich uns zuweilen die Gelegenheit hierzu,
und wir beabsichtigen auch in Zukunft darin fortzufahren
und an dieser Stelle bemerkenswerten Persönlichkeiten aus
der russischen Freiheitsbewegung den ihnen gebührenden
Denkstein zu errichten.-

Der auch in der deutschen Sozialdemokratie bekannte
Parteigenosse Kasprzak ist neueren Nachrichten zu-
folge bestimmt, den Tod am Galgen zu sterben, vor
einiger Zeit war Kasprzak in einer Geheimdruckerei
zu Warschau von russischen Bütteln überrascht und nach
verzweifelter Gegenwehr, in welcher er drei seiner tzäscker
tötete und einen schwer verwundete, überwältigt und ins
Gefängnis geworfen worden.

In dem Prozeß, der darauf gegen Kasprzak geführt
wurde, stellte der Verteidiger, der das Leben unseres
Genossen retten wollte, den Antrag auf Untersuchung
seines Geisteszustandes. Nach der erstmaligen Beobach-
tung bekundeten drei russische Ärzte, Kasprzaks Geistes-
zustand sei ein solcher, daß er seine strafrechtliche Ver-
antwortung aufhebe. Die zweite Beobachtung durch drei
polnische Ärzte fiel aber für unseren Genossen ungünstig
aus. Sie gaben zwar an, daß er Neurastheniker sei,
fügten aber hinzu, daß er simuliere.

Damit scheint sein Schicksal besiegelt, und wenn kein
glücklicherZufall vorbeugend dazwischen tritt, ist Kasprzaks
Leben verwirkt. Lr hat sich für die Befreiung des rus-
sischen Volkes geopfert, das wird ihm unvergessen bleiben !

Eugen Schaumann.

Lechs Iahre hatte Finnland schon seinen schweren
Kampf ums Recht, um die Freiheit und Zivilisation gegen
das finstere und menschenfeindliche russische Selbstherrscher-
tum geführt. Der Generalgouverneur Bobrikoff spannte
alle seine Kräfte an, um den stets im Nahmen der Gesetze
ausgeübten widerstand des finnländischen Volkes zu
brechen. Lr selbst beging eine Gesetzwidrigkeit nach der
andern. So hoffte er das Volk Finnlands zu terrori-
sieren, bis es still und unterwürfig geworden sei. Der
gewöhnliche Irrtum aller Werkzeuge der Tyrannei, welche
immer vergessen, daß Gewalt auch wieder Gewalt erzeugt.
Im Frühjahr 1903 gelang es Bobrikoff, von dem un-
selbständigen und unfähigen Nikolaus II. die verfassungs-
widrige Vollmacht eines Diktators zu erhalten. Ietzt be-
gann die Periode der Verhaftungen, tzausuntersuchungen,
Verbannungen und Deportationen.

Da trat als die Personifikation der allgemeinen Ver-
bitterung Lugen Schaumann auf. Am J6. Juni J904
streckte seine sichere Kugel den Tyrannen zu Boden und
daun tötete er sich durch zwei Schüsse ins eigene tzerz.

Lugen Schaumann war am JO. Mai J875 geboren.
Lein Leben kann also dem Biographen keinen reichen
Vorrat von Tatsachen bieten. Schon im Knabenalter
kennzeichneten ihn lebendiges Nechtsgefühl, heiße Vater-
landsliebe und große Talkraft. Lr war ein eifriger
Sportsmann und sicherer Schütze. J895 wurde er Student
in tzelsingfors. absolvierte J899 das juristische Beamten-
examen und trat in den finnländischen Staatsdienst als
Beamter beim Senat in tzelstngfors ein. Als Protest
gegen die Russtfizierungsmaßregeln im Senate verließ er
jedoch schon J903 diese Stelle und wurde Beamter in der
Oberverwaltung des finnländischen Schulwesens.

Leimart Lohenthal.

Auch Lennart tzohenthal ist erst ein junger Mann.
Auch sein Rechtsgefühl, feine Vaterlandsliebe wurde»
durch die russische Vergewaltigung Finnlands aufs tiefste
empört, und seine Tatkraft trieb ihn, dem Beispiel Schau-
manns zu folgen.

Zu den schädlichsten von Bobrikoffs Werkzeugen ge-
hörte auch ein Finnländer, der Proknrator beim finn-
ländischen Senate, Johnsfo». Seine Pflicht, über die
Gesetze zu wachen, vergessend, fügte er sich in allem dem
Willen Bobrikoffs und tat sein möglichstes, um die Russt-
fizierung zu erleichtern.

Gegen diesen Schergen Rußlands richtete tzohenthal
seine» Revolver. Als Vffizier verkleidet, suchte er am
6. Februar 1905 Iohnsfon in seiner Wohnung auf und
streckte ihn durch einige Schüsse nieder. Lr ließ sich ohne
Widerstand verhaften. Der jetzt folgende Prozeß ge-
staltete sich durch das glänzende Auftreten des Advokaten
zu einer überzeugenden Verteidigung für das Rotwchr-
rechr der Rationen, ob es nun kollektiv oder durch ein-
zelne Mitbürger ausgeübt würde. Trotzdem wurde
tzohenthal von dem Gerichte zu tzelstngfors, welches sich
durch die Buchstaben des Gesetzes gebunden fühlte, zu
lebenslängliche», Zuchthaus verurteilt. Lin Schwur-
gericht hätte ihn gewiß freigssprochen. Da aber das
jetzige Regime kaum von langer Dauer sein kann, so
wird tzohenthal hoffentlich nicht viele Jahre auf seine
Freiheit warten müssen.

tzohenthal ist erst 27 Jahre alt. Auch seine Lebens-
bahn gibt also nicht viel zu erwähnen. Rachdem er
Student geworden, widmete er stch dem medizinischen
Studium bei der Universität, während welcher Zeit er
stch als Masseur seine» Lebensunterhalt verdiente. ch

3m „Albuin". &

Don Hans Hyan.

Komisch! Als Hermann Bahnke stch abends
zur Ruhe legte, hatte er so ein unangenehmes,
peinigendes Gefühl, wie Vorahnung von etwas
sehr Bösem.. .. Und doch, was sollte ihm denn
zustoßen? ... Bei seiner Braut war er eben
noch gewesen, die war auch wohl auf und munter
... vielleicht ein bißchen Alpdrücken ... und
intnier, wenn er nicht schlafen konnte, kam die
Vergangenheit mit ihren scheußlichen Erinne-
rnnge».... Der junge Kaufmann lachte nervös
in die Dunkelheit seines Schlafzimmers hinein ...
wer dachte denn daran noch? Außer ihm gewiß
keiner!... Zwölf Jahre war die Geschichte jetzt
her, er befand sich in geachteter Stellung, >var
Prokurist einer großen Firma und genoß wegen
seiner seltenen Branchenkenntnis, seiner Pflicht-
treue und seiner unanfechtbaren Ehrlichkeit das
volle Vertrauen seilies Chefs.... Was sollte
jetzt noch danach kommen?! ...

Hermann Bahnke grübelte und grübelte. Und
über all dem Sinnen schlief er schließlich ein, bis
in den Trauni verfolgt von seinen quälenden
Gedanken.

Am nächsten Morgen — es war im November
und draußen noch stockdunkel — fuhr er rasch

aus dem Bett, als er seine Wirtin draußen stark
und anhaltend klopfen hörte. Während er sich noch
die Beinkleider anzog, rief sie ihin durch die Türe zu:

„Es sind ein paar Herren da, die Sie sprechen
wollen, Herr Bahnke!"

Und wieder überkam den jungen Mann diese
unerklärliche Angst.

Indem klopfte es schon wieder, aber viel stärker
— das war die Wirtin nicht.

Hermann Bahnke öffnete.

Zwei kräftige, einfach gekleidete Männer traten
herein.

„Wir sind Kriminalbeamte!" sagte der eine,
und der andere:

„Sie sind verhaftet!"

„Weswegen denn?"

„Das werden Sie wohl schon wissen!" meinte
der ältere der beiden, dessen Haar schon grau
war und dessen Augen einen harten und uner-
bittlichen Ausdruck hatten.

„Aber Sie müssen mir doch sagen, weswegen
Sie mich verhaften?"

„Wir müssen? ... gar nichts müssen mir!"
sagte wieder der ältere der Beamten und der
jüngere setzte etwas weniger hart hinzu:

„DaS Beste, was Sie tun können, ist, Sie
ziehen sich rasch an und kommen mit!"

Hermann Bahnke sah ratlos von einem zum
andern. Seine Kinnbacken schlugen aufeinander
und in seine Augen traten Tränen.

„Was wollen Sie denn von mir? ... Ich
habe doch nichts verbrochen! ..."

„Na, das wird stch ja heransstcllcn", meinte
der jüngere Beamte nicht unfreundlich, „wenn
Sie sich nichts bewußt sind, dann wird man
Sie wohl wieder laufen lassen."

Hermann Bahnke sagte nichts mehr. Aber
mährend er sich anzog und mechanisch den
Kaffee trank, den die verschüchterte und offenbar
schon mißtrauisch gewordene Wirtin ihm hin-
schob, wälzten sich die Gedanken in seinem
Kopfe.

„Was wird jetzt? ... Wenn das mein Chef
erfährt und bannt auch das andere. . .. lind
meine Braut? ... Heute ist Sonntag ... aber
morgen ..."

Und plötzlich sagte er flehenden Tones zu dem
älteren Beamten:

„Bin ich denn bis morgen schon wieder
draußen?"
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