Der wahre Jakob: illustrierte Zeitschrift für Satire, Humor und Unterhaltung — 23.1906

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->>> Märzgedanken. <-;<■

Als einstens in Deutschland der Märzsturin blies,
Da schien die Erde ein Paradies;

Der Großen Übermut schien gedämpft,

Die junge Freiheit, sie schien erkämpft.

Es war eine große gewaltige Zeit,

Des Frühlings der Völkerherrlichkeit;

Des Alten Trümmer, sie sanken in Nacht
And auf ging der Frühlingssonne Pracht.

Die Menschen däuchten sich alle gleich,

Zusammen jubelten Arm und Reich,

Mit dem Proletarier unglaubliche Tat! —
Ging 2Irm in Arm der Geheime Rat.

Der Märzensturm ging von Land zu Land,

Es reichten die Völker sich froh die Lfand,

Die -alte Welt, sie ward wieder jung
Zn der allgemeinen Verbrüderung.

MrMrachlungm des Nastöiirgers.

Die Alten haben hart gekämpft
Linst auf den Barrikaden.

Wir sind gemäßigt und gedämpft
Und scheuen Leibesschaden.

Großvater führte das Gewehr,

Schoß auf die Grenadiere.

Mich freuen die Paraden sehr
Und schneidige (Offiziere.

Der Kriegsknecht war zu jener Zrist
Lin Ziel gar vieler Witze.

Doch ein Reserveleutnant ist
Heut der Gesellschaft Spitze.

Linst jagten sie die Zürsten fort
Zusamt des Thrones Lrben.

Jetzt läßt uns jedes Prinzleins Wort
Tief ehrfurchtsvoll ersterben.

Mit den Ministern machten,ste
Gar wenig Zederlesen.

Ich widersprech' dem Landrat nie;

Lr ist ein höh'res Wesen.

Den vierten Friedrich Wilhelm zwang
Das Volk zum Hutabziehen.

Ich macht' aus heißem Herzensdrang
Bor Wilhelm niederknien.

Der Bürgersmann von dazumal
War rabiat geworden.

Natürlich bin ich liberal
Und hoff' auf einen (Orden.

Zm Aufruhr stürmten jener Zeit
Die Bürger durch die Gassen.

Zum Hohenzollernsest bereit
Erscheinen wir in Massen.

Rach Freiheit riefen sie und Recht
Und schwangen ihre hinten.

Wir sind ein friedliches Geschlecht
Und kämpfen nur mit Zinten.

Großvater sprach von Gleichheit auch,
Zst dafür eingetreten.

Ich mäste fröhlich meinen Bauch
Und höhne die Proleten.

Doch ach! Nur kurz war der Frühlingstraum!
wie schillernde Blasen aus Seifenschaum
Zerstoben der Völker Hoffnungen bald,

Es wehte gar eisig und winterkalt.

Die bösen Geister, sie walteten noch,

Die Schlange unter den Blumen kroch,

Dem Michel, der eben sich kräftig geregt,
ward das -alte Joch wieder auserlegt.

verstummt war die Freiheitsmelodei,

Durchs Land scholl der linken und Eulen Schrei,
Es wälzten sich aus ihrer Pöhlen Graus
Die alten Drachen wieder heraus.

Nicht tröstlich ist die Vergangenheit,

Doch waltet ein neuer Geist in der Zeit;

Es leuchtet mit ihrem rosigen Schein

Die Sonne der Zukunft schon zu uns herein. h.g.

Der ganze Unterschied ist ja
Von damals und von heute:

Der Bürger ward ein Bourgeois
Und strebt nur noch nach Beute.

Lecundus.

Ei» modernes Märchen.

Es war einmal ein Arbeiter, der wollte in
seine Fabrik eilen. Auf dem Wege dahin
stieß er jedoch auf ein unüberwindliches Hin-
dernis. Es fand nämlich die Hochzeitsfeier
cines Prinzen aus dem königlichen Hause statt
und eine dichte Kette von Schutzleuten ver-
sperrte die Straße.

Der Arbeiter hatte keine Zeit und auch keine
Lust zum Gaffe». Er ivollte hinüber - ver-
geblich! Mißmutig ging er nach Hause; der
halbe Arbeitstag war verloren und er besaß
doch nur das, was er mit seiner Hände Fleiß
verdiente.

.Da kam ihm ein glücklicher Gedanke. Er
setzte einen Brief an das königliche Hofmar-
schallamt auf, worin er bat, daß man ihm
für den entgangenen Lohn Ersatz leisten möge.

Und siehe, geradezu postwendend kam der
Geldbriefträger und brachte dem Arbeitsmann
den verlorenen Lohn zurück.

Er erzählte dies seinen Freunden und es
gab welche, die ihm glaubten.

Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben
sie noch heute. M. E.

Aus Algeciras.

A. : Sagen Sie mal, Verehrtester, ist „schicken"
und „senden" eigentlich dasselbe'!

B. : Zweifelsohne!

A. : Mir scheint es aber doch nicht so.

B. : Wieso denn nicht?

A.: Ich meine, wenn man die Taten der
hier versammelten Diploniatie betrachtet, kommt
man zu der zwingenden Überzeugung, daß ein
„Gesandter" durchaus noch nicht „geschickt"
zu sein braucht!

Maulaffentum.

Berliner Strahenbild.

Sie stehen eingekeilt wie eine Mauer
Nicht achtend Sturm und kalte Regenschauer.

Sie stehen stundenlang aus einen» Platz,
Weicht einer, findet er sofort Ersatz.

So wie der Hirt wacht über seine Schase,
Wacht hier der „Blaue", seines DienstesSklave.

Was gibts zu sch», daß diese dichten Mengen
Mit heil'gem Ernst sich ineinander dränge»?

Wer naht? Wem gilt es denn, daß diese Massen
Sich freudig auf die Fiiße trampeln lassen?

O Wandrer, stehe still! Schon schallt Hurra
Aus jeder Kehle . . . Der Moment ist da!

Es kommen Reiter; man sieht Lanzenspitzen,
Doch weiter nichts, von fern herüber blitzen.

Musik erschallt; doch keiner schaut die Bläser,
Kaum ihren Helmbusch, durch die Operngläser.

Jetzt... in der Staatskarosse - ha, die Braut —
Die morgen wird dem Prinzen angetraut!

„Der Inbegriff von aller Lieb und Güte —
O, nie ein Wesen lieblicher erblühte!"

„Begeistert^ recken sich viel tausend Köpfe,
Doch ach! kein Blick erhascht der „Teuren"Zöpfe.

Hurra! hurra! O Tag der höchsten Wonne —
Laß regnen! Ans bestrahlt des Hofes Sonne.

Sie leuchtet, wärmt, durchdrint den stärksten

Keil —

And darum halten wir Maulaffen feil.

Wir stehen unentwegt; trotz leerem Magen
Sind wir voll patriotischem Behagen.

Wir, das „getreue Volk", sind die Staffage
Selbst bei der leersten Gala-Equipage.

Wir scharen uns, fällt irgendwo ein Roß,
And „wo was los ist", bilden wir den Troß.

Ein Hoch der deutschen Antertänigkeit,

Die an „Hurras!" sich lungensträhnig schreit!

S.
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