Der wahre Jakob: illustrierte Zeitschrift für Satire, Humor und Unterhaltung — 23.1906

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August Dreesbach.

Am Sonntag den 25. November hat die deutsche Arbeiterklasse einen schweren
Verlust erlitten. August Dreesbach, der Neichstagsabgeordnete für Mannheim, ist
in einem Vororte Berlins, wo er während der Tagung des Reichstags
wohnte, einem tzerzfchlng erlegen. Der Tod kam in diesem Fall über-
raschend schnell, wenn Dreesbach auch in den letzten Jahren bereils
mehrfach gekränkelt hatte. Lr hatte sich aber zur Freude aller Be-
kannten und Parteigenossen anscheinend sehr gut erholt und hat
an der Organisation und Leitung des Mannheimer Parteitags
in ganz hervorragender weise Anteil genommen. Allen Teil-
nehmern des Parteitags wird die von freudiger Genug-
tuung erfüllte Begrüßungsrede, mit der Dreesbach den
Parteitag eröffnete, noch in klarster Erinnerung im
Gedächtnis haften.

August Dreesbach war ein Proletarierkind. In
Düsseldorf ward er am 13. August 1844 als Sohn armer
Eltern geboren und lernte nach der Entlassung aus der
Schule, die er sieben Jahre lang besuchte, das Tischler-
Handwerk. In die Zeit seiner Lehrjahre fiel die Lassalle'sche
Agitation unter den deutschen Arbeitern, die ja im
Rheinland besonders lebhaft war. So kam es, daß
Dreesbach schon früh nicht nur zu einem Anhänger,
sondern auch zu einem Verkünder der Lehren des Sozia-
lismus wurde. Im Jahre 1868 trat er in den Allge-
meinen deutschen Arbeiterverein ein und sprach bereits
vielfach als Redner in -öffentlichen Versammlungen. Er-
folgreich war er in dieser Zeit bemüht, die Lücken seiner
Bildung durch rastloses Selbststudium auszufüllen.

Zu jener Zeit ging der Allgemeine deutsche Arbeiter-
verein dazu über, für die einzelnen Landesteile festbesoldete
Agitatoren anzustellen. Ls war nicht wunderbar, daß der
Blick der Vereinsleitung auch auf Dreesbach fiel, dessen hervor-
ragendes agitatorisches Talent schon damals glänzend in die
Erscheinung getreten war. Und so wurde er zunächst Agitator
für Nordbayern mit dem Sitz in Nürnberg, ging von da aus nach
Stuttgart, um die Agitation hier und in ganz Württemberg zu
betreiben, und kam schließlich im Frühjahr 1874 nach Mannheim, wo
er seitdem seinen ständigen Wohnsitz behalten hat.

Der Mannheimer und man kann auch sagen: der ganzen badischen Arbei-
terbewegung hat die Persönlichkeit August Dreesbachs ihren Stempel ausgedrückt. Zn

Mühen und Sorgen begann sein dortiges wirken. Erst gründete er einen Spezerei-,
dann einen Zigarrenladen. Treue Freundschaft verband ihn mit Franz Iosef
Ehrhardt, der vom benachbarten Ludwigshafen aus die Pfalz zu erobern
begann. Mit begeisterter tzingabe und zäher taktischer Klugheit ge-
wannen die beiden den Gegnern des Proletariats eine Position nach

netenwahlen der dritten Wählerklasse, die sie nie wieder verloren,
und im Iahre 1884 erfolgte' die Wahl Dreesbachs in das
Stadtratskollegium, also in die engere Stadtverwaltung. Zn
gleicher Zeit aber wurde der Kampf um die Mandate zum
deutschen Reichstag und zum badischen Landtag geführt
mit dem Erfolge, daß Dreesbach 1890 für Mannheim
Reichstags- und 1891 Landlagsabgeordnster wurde.

Ihre Ergänzung fand die glänzende agitatorisä e Be-
gabung Dreesbachs in seinem gesunden praktischen ver-
stand und seinem taktischen Geschick, welches den verwickelt-
sten Situationen, sowohl im parlamentarischen Leben,
wie auch in der engeren parteitäligkeit gewachsen war.
Lr verstand es, trotz der erst geringen Zahl der sozial^
demokratischen Abgeordneten, der Fraktion im Landtag
eine geachtete Stellung und einen namentlich in der badi-
schen Wahlrechtsbewegung stark hervorgetretenen Einfluß
zu verschaffen. An der endlichen Abschaffung des indirekten
Wahlrechts zum badischen Landtag hat Dreesbach ein
ganz hervorragendes Verdienst.

Nun hat dieses Leben voll reicher Arbeit seinen jähen
Abschluß gefunden. Schmerzerfüllt stehen die deutschen Ar-
beiter am Grabe ihres Vorkämpfers, der ihnen ein leuch-
tendes Beispiel in der uneigennützigen Hingabe an das für
richtig erkannte Ziel gegeben hat. Selbstverständlich hat auch
er den Feinden der Arbeiterklasse seinen Tribut zollen und infolge
seiner agitatorischen Tätigkeit Freiheitsstrafen verbüßen müssen.
August Dreesbach war einer von denen, die noch völlig steinigen
Boden zu beackern, der Saat des Sozialismus die ersten Furchen zu
ziehen hatten. Jetzt ist der eifrige und treue Sämann ins Grab gesunken,
aber bereits zu seinen Lebzeiten ist die Saat aufgegangen und herrlich in die

Halme geschossen. Eifern wir Iüngeren ihm nach-das wird die schönste

Ehrung sein, die wir dem toten Freunde bereiten können. B. H.

VNtzürahtmetüungen.

Berlin. Das Zentrum will, daß der Reichskanzler
mehr amtliches Material über die auswärtige Politik
veröffentliche. Lolche Urkunden nennt man „Weißbücher",
denn weiß ist die Farbe der — Unschuld.

— Ende Dezember gibt es auf dem Landgericht II eine
kriegswissenschaftliche Sitzung. Der Herr Hauptmann
Wilhelm v. Köpenick hält einen Vortrag darüber, wie
man offene Städte überrumpelt. Der preußische General-
stab wird zuhören.

Kiel. Die kaiserliche werft baut einen sogenannten
Lastdampfer, der an Größe und Schwere ein Wundertier
ist. Die Admiralität sagt: er sei für Kohlen. In Wirk-
lichkeit soll er nach der Schlacht bei Helgoland (am 1. April
1907) den König Eduard gefangen nach Kiel bringen.

Gera. Das Automobil der Prinzessin Lufemia zu
Schleiz-Steiz-Speiz überfuhr heute einen Laglöhner und
hatte dadurch zwanzig Sekunden Aufenthalt. Infolge-
dessen bekam der Mann den Vrden vom geölten Blitz,
der sonst nur an Stationsvorsteher von Knotenpunkten
verliehen wird.

Posen. Am polnischen Schulstreik beteiligen sich jetzt
auch die Schulpaläste der östlichen preußischen Provinzen.
Mehrere, die längst dahin verdächtig waren, sind ein-
gestürzt.

München. Die Kaisertage haben das monarchische
Gefühl im Volke sehr gehoben. Sepp, der Zwieselbauer,
weiß nun endlich, wie ein König ausschaut. Er sagt:
das sei viel weniger schlimm, als wie sie immer täten.

Tanger. Raisuli befolgt die Politik der offenen Tür.
Lr wirft durch diese offene Tür alle wieder 'raus, die
ihre Nase in seine Kochtöpfe stecken.

Petersburg. Zm Marineministerium plant man einen
großartigen Neubau der Flotte. Über das Einzelne gehen
die Ansichten noch auseinander: bloß so viel steht fest,
daß sie nur ausländisches Geld kosten darf.

Konstantinopel. Der Sultan hält jetzt dicke Freund-
schaft mit den Ungarn. Lr sagt, das sei ein feines
Land — da regiere sein lieber Kollege, der Parlamen-
tarismus.

Belgrad. Serbien hat bei Vickers-Maxim ein Fuder
Maschinengewehre bestellt, da es sich in der serbischen
Geschichte wiederholt als wichtig herausgestellt hat, daß
möglichst viel Geschosse auf ein und denselben Punkt
treffen.

— (Amtlich.) Der Thronfolger ist nicht meschugge,
sondern verrückt.

Swakopmund. Prinz Ioachim Albrecht tut Dienst
bei der Schutztruppe. Die soll ihn vor seinem Schatz be-
schützen.

New York. Carnegie will keine Million für Friedens-
zwecke hergeben. Lr sagt: es würden ja doch nur Ka-
nonen dafür angeschafft.

Der Kanzler spricht!

Alles schweige! Jeder neige
Seinen Worten nun sein Ohr.

Es sind lieblich milde Töne:

Süßer sang nicht die Sirene
In dem schönen Schwesterchor!

Seine blauen klugen schauen
Vorwurfsvoll zur Linken hin.

Seine Worte fließen schneller,

And es glänzet heute Heller
Selbst das Grübchen in dem Kinn.

„Warum — saget! — warum klaget
Immer ihr um Bismarck nur?

Wenn ich auch nicht Bismarck heiße, —
Glaubet mir: im selben Gleise
Immerdar der Wagen fuhr!

„Jagt die Zweifel doch zum Teufel!
Optimismus tut uns not!

Schauet nur durch meine Brille,

And ihr seid gewißlich stille,

Denn die Welt ist rosarot.

„Deutschland einsam? Klagt gemeinsam
Ihr? O, treibt es nicht so arg!

Wenn nicht Schillers Weisheit Schein ist,
Daß ,der Starke stets allein' ist.

Sind wir stärker noch als stark!!"

Alles schweige! Jeder neige
Leut sein Ohr dem hohen Lerrn.

Doch wem Phrasenlimonade
Auf die Dauer ist zu fade,

Lalte sich beizeiten fern! P. <$.

Glossen.

In der Generalversammlung der Chemnitzer
Werkzeugmaschinenfabrik rechnete ein Aktionär
vor, daß in der Großindustrie jeder Arbeiter
in jeden, Jahre 2000 bis 3000 Mark Mehr-
wert einbringen muß.

Wie froh können doch die Chemnitzer Ar-
beiter sein, daß sie nicht nach dem Mehrwert,

den sie ihren Herren einbringen, besteuert
werden, sondern nur — nach ihrem Lohn!

In Niedershausen bei Wiesbaden wurde
eine Handarbeitslehrerin ihres Amtes entsetzt,
weil sie in ihren freien Stunden in, dortigen
Konsumverein tätig war, den der Landrat als
„sozialdemokratisches Geschäft" ansah.

Das ist auch ganz in der Ordnung! Es ist
gar nicht abzusehen, welches Unheil hätte ent-
stehen können, wenn die Lehrerin die Kinder
in der Handarbeitsstunde hätte — rote Strümpfe
stricken lassen! *

In Bern stürmte das Publikum die Bühne,
ans der „Der Hauptmann von Köpenick" ge-
spielt wurde. Der Darsteller der Titelrolle
mußte flüchten.

Das hätten wir ihn, gleich sagen können:
der Hauptmann von Köpenick ist eben außer-
halb Deutschlands — nicht aufführbar.

Der „Ober" von Berlin.

Ich glaub', der „Ober" von Berlin
Tut fünfzigtausend Mark beziehn;

Er trinkt nur allerbesten Wein.

Ich möchte auch solch „Ober" sein!

Doch nein! Er ist ein armer Wicht:

'ne eigne Meinung hat er nicht;

Winkt man von oben, hilft kein Schrein-

Ich möchte doch nicht „Ober" sein!

Spricht mal ein Prinzlein bei uns vor.
Steht er am Brandenburger Tor
Barhaupt im Ehrenjungfernchor
And stammelt da sein Sprüchlein vor.

Der Loflakaien bunte Reih'

Denkt sich verschiedenes dabei:

Man estimiert ihn dort ja nur
Als eine größre Nippfigur,

Als Tafelaufsatz, wenn's beliebt,

Den wieder man beiseite schiebt
Zur nächsten Feier. . .. Nein, o nein.

Ich möchte doch kein „Ober" sein!! P. E.
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