Der wahre Jakob: illustrierte Zeitschrift für Satire, Humor und Unterhaltung — 24.1907

Seite: 5406
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—-s Robert Schweichel. r—

Ein Volksmann und Dichter.

Ein Mann des werktätigen Volkes und ein
Dichter: Heil ihm, der das von sich sagen
kann! Denn die beiden Worte schließen ein
echtes freies Menschentum, starken, unbeug-
samen, unbestechlichen Charakter, schöpferischen
Geist, kurz und gut eine volle Persönlichkeit
in sich ein. Und viel, viel Liebe und Glaube
und mutige Entsagung dazu. Es ist
eben kein Geringes in unserer zerklüf-
teten Zeit, sich als echter Patriot aus
vollster Überzeugung zum Sozialismus
offen zu bekennen, aber zugleich als vor-
wiegend schöngeistiger Schriftsteller sei-
nen Schöpfungen Geltung zuverschaffen
und kraft dessen sein Recht aufs Leben,
auf seine wirtschaftliche Existenz zu be-
haupten, ohne doch den Charakter zu
verflüchtigen. Und darum darf der
Mann, dem dieseZeilen gelten, mit Recht
ein Kämpfer und Held genannt werden.

Den Lesern des „Wahren Jacob"
ist er ein alter vertrauter Freund. Denn
Robert Schweichel hat sie oft durch
seine gehaltvollen Beiträge zur erheben-
den Feierstunde geleitet. Indem wir
des nun dahingegangenen Dichters ge-
denken, tut sich uns ein Leben auf,
das reich war an Kämpfen und Mühen,
an Stürmen und Schmerzen, und das
sich zugleich in seltener Vielheit aus-
gebreitet und in klassischer Wesensein-
heit und schlichter menschlicher Größe
harmonisch vollendet hat.

Robert Schweichel wurde am
12. Juli 1821 zu Königsberg in Ost-
preußen geboren, wohin seines Vaters
Vorfahren der Familienüberlieferung
zufolge einst mit den vertriebenen Salz-
burger Protestanten gekommen waren.

Er hatte sich nach der Gymnasialzeit
auf Wunsch des Vaters dem Gott
Merkur verschreiben müssen, wurde
aber schließlich ihm doch abtrünnig
und bezog im Alter von 23 Jahren die
Albertina, um Jurisprudenz und Staatswissen-
schaften zu studieren. Schweichels hochsinnige
Gattin, Frau Elise, hat, in ihrem Roman
„Vom Stamm gerissen" von dem Königs-
berger inzwischen elternlos gewordenen Stu-
denten eine kurze treffende Charakteristik ge-
geben. „Kurt Oettinger" — so heißt hier der
junge Dichter und Rechtsbeflisseue —, „der
im Wohlleben erzogen worden, keine Entbeh-
rungen kennen gelernt hatte, bewohnte jetzt
die dürftigsten Räume, die er überdies stets
mit einem Freunde teilte, beschränkte sich in
Kleidung und Speise aufs äußerste und war
dennoch aus tiefster Seele glücklich — glück-
lich in dem reichen geistig bewegten Leben
mit seinen Komilitonen, in dem gemeinsamen
idealen Streben, welches weit über das Brot-
studium hinausging, in dem immer tieferen
Erfassen der großen sozialen Bewegung, die

ihre Flutwellen bis in die ostpreußischen Lande
hinüberwälzte."

Daß ein Mann wie Schweichel die Postulate
der praktischen Vernunft Immanuel Kants,
wonach alles Wissen Glauben sei, nicht gelten
lassen konnte, war bei seiner auf die soziale
Fortentwicklung der Menschheit hinweisenden

Geistesrichtung selbstverständlich. Er hielt es
für die edelste und würdigste Lebensaufgabe,
zur Aufklärung der Unwissenden und zur Ver-
besserung des Loses der Armen und Elenden
mitzuwirken. Die Königsberger Bürgerver-
sammlungen vor 1848, überhaupt die ganze
damalige liberale Bewegung in Ostpreußen,
welche natürlich bis in die Hörsäle der Stu-
denten hineinwogte, bot Schweichel will-
kommene Gelegenheit zu rednerischer und
propagandistischer Betätigung. Vollends das
„tolle Jahr" trieb ihn in die Arena der
Volksversammlungen und des Königsberger
Arbeitervereins. Hier wie dort als uner-
schrockener schlagfertiger Redner, bewährte der
glänzend begabte und feurige energische Mann
auch als Publizist in zahlreichen gründlichen
Leitartikeln im „Volksvertreter" sein tatkräf-
tiges Eintreten für das Volk und eine auf

freiheitlicher Grundlage ausgebaute Verfassung.
Da war natürlich an die Beamtenlaufbahn
nicht mehr zu denken gewesen.

Nachdem er sein Referendarexamen gemacht
und glänzend bestanden hatte, ging er daher zur
Journalistik über und war als Herausgeber
und Redakteur des „Ostpreußischen Volks-
blattes" in Königsberg tätig. Bald
hatte Schweichel aber Konflikte mit der
Zensur und Staatsbehörde. Um sein
Blatt, das man damals nicht so ohne
weiteres verbieten konnte, tot zu machen,
kam man auf den naiven Einfall,
Schweichel im Sommer 1850 zum Mili-
tär einzuberufen. Als Portepeeunter-
offizier wurde er der Wahlauer Land-
wehrkompagnie zugeteilt, mit der er
dann nach Ruppin abmarschierte. Von
da sollte es in den Thüringer Wald
weitergehen, bis wohin sich von Hol-
stein die preußische Truppenkette zog,
weil man fürchtete, daß, während die
Hauptmacht mit den Dänen beschäftigt
sei, in Berlin abermals ein Aufstand
ausbrechen könnte. Die Konrpagnie
weigerte sich aber, weiter zu gehen, und
so wurden die Leute schließlich unter Ver-
zicht auf Löhnung nach Hause gelassen.

Natürlich hatte unterdessen die Zei-
tung nicht ausgehört zu erscheinen. Ja,
Schweichel verband sich mit einem
Studienfreunde namens Sommerfeld,
der zu gleicher Zeit in Tilsit die eben-
falls demokratische „Dorfzeitung für
Preußen" herausgab, zu gemeinsamer
Tätigkeit, indem er sein „Volksblatt"
mit diesem Organ verschmolz.

Der Behörde war es trotz fortgesetzter
Schikanen und mehrfacher Verhängung
von Freiheitsstrafen über Schweichel
nicht geglückt, sein Blatt zu schädigen.
Dies gelang ihr aber durch das seit
5. Juni 1850 eingeführte Gesetz der Zei-
tungskaution, welche die Herausgeber
nicht zu leisten vermochten. So waren nun beide
um Vermögen und Existenz gebracht. Som-
merfeld ging dann nach Wien, wo er mit
einem eigens begründeten Organ der Börsen-
korruption tapfer zu Leibe ging, aber durch
niederträchtige Preßmanöver der Gebrand-
markten zugrunde gerichtet und schließlich
aus Verzweiflung zum Selbstmord getrieben
wurde.

Schweichel war in Königsberg geblieben.
Ohne Mittel, ohne Existenz — was sollte er
beginnen? Glücklicherweise fand er an der
„Hartungschen Zeitung", deren Herausgeber
einst sein Schulkamerad gewesen war, als
Theaterkritiker eine, wenigstens vor den leib-
lichen Sorgen notdürftig schützende Stellung.
Kaum aber hatte die Behörde hiervon Wind
bekommen, so erhielt Hartung die Weisung,
Schweichel zu entlassen, widrigenfalls Zeitungs-

Geboren am 12. Juli 1821, gestorben am 25. April 1907.
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