Der wahre Jakob: illustrierte Zeitschrift für Satire, Humor und Unterhaltung — 25.1908

Seite: 5802
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5802

—: Die Katastrophe.:

CUie standst du gross und herrlich da
Tn stolzer Seelenrub’

Und hobst die biedre Gidesfaust,

Du frommer Pbili du!

Da blieb kein Kerze ungerührt
(Joni Schmerz des Mitgefühls
Und eine Zähre glänzte feucht
Im jFfuge Isenbiels.

Der strenge Oberstaatsanwalt,

Dem kein Moment entging,

Gr prüft den 5all mit scharfem klick
Und er durchschaut das Ding.

Gin bcil’ger Gifer packt ihn an,

CUild sträubt sich haar und Bart,
Und es erklingt wie UJettersturm
Die Rede, schrill und hart:

Arnold Dodel t

Am \\. April ist in Zürich Prof. Dr. Arnold Dodel
gestorben, der nicht nur ein Hervorragender Vertreter
der modernen Naturwissenschaft, sondern auch sein Ver-
ständnis für die Gedankenwelt des Sozialismus stets
offen bekundet hat. Dodel war einer der Bahnbrecher
der Darwin'fchen Lntwicklnngstheorien und hat durch
seine populär geschriebenen Bücher viel für das Lin-
dringen dieser Lehren in die breiteren Volksschichten,
weit über die fachwissenschaftlich interessierten Areise
hinaus, beigetragen, vornehmlich sind hier die Bücher
zu nennen „Moses oder Darwin?", „Aus Leben und
Wissenschaft" und die Biographie des Bauernphilosophen
Denbler. Dodel entstammte einer kleinen tzandwerker-
familie und mußte mühsam kämpfen, bis er sich seine
Position erarbeitet hat. wenn er auch ein „belehrter"
im fachwissenschastlichen Sinne des Wortes war und sich
stets auf dem Boden exakter Forschungsergebnisse hielt,
so lag es ihm doch völlig fern, sich kastenartig gegen das
Volk abznschließen, wie es bürgerliche Gelehrte oft für
nötig halten. Seiner Persönlichkeit gebührt daher dank-
bare Anerkennung, seinen Werken das hingebende Stu-
dium der nach Aufklärung ringenden Arbeiterschaft.

Walpurgisnacht.

Wie uns aus dem Harz gemeldet wird, ist
den parlamentarischen Führern der Regie-
rungsparteien in der Nacht zum ersten Mai
folgendes Telegramm zugegangen:

„In freudiger Anerkennung ihrer Verdienste
um die Verstänkerung der politischen Atmo-
sphäre senden den verehrten Blocksbrüdern
herzliche Grüße und Küsse

Die Schwestern vom Blocksberg.

I. A.: Die alte Baubo auf dem Mutterschwein."

„Gin Schuft, wer dich zu lästern wagt! “
Ruft er in edlem Zorn,
„DeinGhrenschildstrahltspiegelblank
Uon hinten und von vorn!

0 Pbili, boebgeborner Sürst,

Dein Herz ist rein wie Schnee!“ —
Uor Bachen krümmt sich Hai und Stint
Im Starenberger See.

Und eh' vier Monde noch dahin,
Grzäblt der Siscberknab’,

CUas im verschwieg nen Uferschilf
Sich dorten einst begab.

CUas du gefühlt, was du getan,
Gntbüllt er schonungslos —

0 Pbili, zarter Croubadour,

Sag’ an, wie konnt’st du bloss?

Die Absolution.

Fürst Bülow rutschte die Stufen
Zum päpstlichen Throne empor,

Und küßte des Papstes Pantoffel
Wie mancher andre zuvor.

Mit leicht verlegener Miene
Tat er das heilige Werk.

Doch Pius sagte lächelnd:

„Ich kenne dich, Spiegelberg!

„Nur nicht genieren, mein Bester!

Ich liebe dich inniglich:

Du hassest ja alles Moderne
Nicht weniger als ich.

„Auch deine Gewissensbisse
Sind mir gar wohl bekannt:

Ich bi» ja auch nur ein Werkzeug
In eines Höheren Land.

„Ich weiß: im Stillen bist du
Ganz einig mit mir, mein Sohn.

Drum geb' ich zur Zentrumsfehde
Dir feierlich Absolution!"

„Ich danke dir, heiliger Vater,

Daß du nicht böse bist".

Sprach Bernhard und hat noch einmal
Den heil'gen Pantoffel geküßt.

Im Vorsaal über der Türe
Ein altes Bildnis hing. ...

Es war das Bild des Königs,

Der nach Kanossa ging. P.E.

Das beleidigende Evangeliuin.

Die preußische Justizverwaltung beauftragte
vor kurzem einen Künstler mit der Ausmalung
eines Sitzungssaales in einem Landgerichts-
gebäude. Der Künstler stellte als Wandgemälde
die bekannte biblische Szene der Handwaschung
dar, wie Pontius Pilatus vor dem Volk sich
Wasser reichen läßt und spricht: „Ich bin un-
schuldig am Blute dieses Gerechten; sehet ihr
zu!" Die preußische Justizverwaltung hat nun
erklärt, daß die Darstellung dieser Bibelszene
eine Schmähung und Beleidigung des Richter-
standes bedeute, und hat die sofortige Eick-
fernnng des Bildes aus dem Saal angeordnet.

Dun liest behaglich Hinz und Runz
Uon diesen Scbweinerei’n,

Papa entreisst das Zeitungsblatt
Dem keuschen töcbterlein.

Mein Harfner, Zierde uns res Hofs,
Du Spezi höchster Herrn
Und Duzfreund Riedels - sag’, wohin
Tloh deines Glückes Stern?

Dumpf stöhnend sitzt im flmtsburcau,
Die Hand zur Taust geballt,

In fürchterlichem Seelenkampf
Der Oberstaatsanwalt.

Grweiss nicht mehr, wo ein noch aus,
Gr kommt nicht drum herum:

CUild packt er zu und schleudert dich
Ins — Sanatorium. a.$.

Wie wir von gut unterrichteter Seite Hören,
sollen aus Veranlassung der preußischen Justiz-
verwaltung nunmehr auch die in vielen Ge-
richtssälen ausgestellten Kruzifixe schleunigst
beseitigt werden. Denn die Darstellung des
gekreuzigten Christus erinnert in höchst ärger-
licher Weise an einen sehr bekannten, vor fast
zweitausend Jahren begangenen Justizmord
und erscheint daher geeignet, das heute gott-
lob noch allgemein herrschende kindliche Ver-
trauen des Volkes zur Rechtspflege und zum
Richterstande nachhaltig zu erschüttern. I. <§.

Lohe Politik.

„Wie steht's denn eigentlich um Marokko?"
„Oh ... wir lassen dort ganz einfach durch
Frankreich dieKastanien ans dem Feuer holen!"

„Wenn uns Frankreich aber von den Ka-
stanien nachher nichts abgibt...??"

„Dann sagen wir ganz einfach: wir mögen
gar keine Kastanien!!"

Die sittlichen YanUees.

(Die Postbehörde von St. Louis veriveigerie die Beför-
derung des „Wahren Jacob" wegen dessen unsittliche»
Inhalts.)

Ja, hochmoralisch die Pankees find
Und darin ganz unerbittlich,

Zu leicht auf der Tugendwage bin ich
Befunden und ganz unsittlich.

Weil an des Neiches Kanzler ich mich
Mit gutem Note gewendet,

Und auf dem Topf ihm einen gezeigt,
Der Gold und Silber dort spendet —

Hab' ausgelöst bei den pankees ich
Die heiligsten Gefühle,

Ls steht in St. Louis die Staatsmoral
Ganz sicherlich auf dem Spiele.

D edle Yankees, wenn euch das Geld
Da drüben zu Lnd' wird gehen,

Wird man von der anderen Seite auch
Mal eure Moral besehen:

Der schmutzigste Nachttopf wäre dann
Luch Sittlichen und Frommen,

War' er nur mit Dukaten gefüllt,

Gleich einem Juwel willkommen!

Der wahre Jacob.
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