Der wahre Jakob: illustrierte Zeitschrift für Satire, Humor und Unterhaltung — 32.1915

Seite: 8710
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Beelzebub.

Von Pierre Duponk. Aus „Arbeiterdichtung in Frankreich". Übersetzt vonAdolf Strodtman.

Ein junger Pilger, schön, doch schmerzumfangen.
Die Stirn gebeugt, den Wanderstab zur Hand,

Zog still einher, umglüht die bleichen Wangen
Vom Abendgold, das mählich leis entschwand.

Ihm lag das ew'ge Leid der Menschheit offen.

Das seit Jahrtausenden die Welt durchhallt;

Von seiner Klage scholl und seinem Hoffen
Ein müdes Echo durch den tiefen Wald:

Die Erde trägt der Knechtschaft Spuren
In Schmerzen sonder Zahl,

Der Tugend schafft die Sünde Qual —
And redet doch Natur in Wald und Fluren
Der Liebe Wort zu allen Kreaturen

Von Berg zn Berg, von Tal zu Tal!

Ans schwarzem Ros; mit blut'gem Augensterne,

Von dessen Bug der Schaum herniederquillt.

Sprengt jetzt ein Reiter aus der dunklen Ferne,

In rotem Kleid, mit Blicken fahl und wild.

Wie seine Höhlung sich der Bach gegraben.

Hat seine Stirn gefurcht ein großer Schmerz —

„Steig auf!" so spricht er zu dem Wanderknaben,
„Auf! säume nicht und fasse dir ein Herz!"

Der schöne Träumer schwingt sich ans die Mähre,
And hoch und höher geht's in Windesflug!

Cs seufzt das Roß bei seiner Reiter Schwere,

Der goldne Sporn zerfleischt den schwarzen Bug.

Ein Atmen noch, ein Sprung, ein Augenblinken,
And sieh, nun sind sie auf des Gipfels Saum,

And wo der Felsen höchste Zacken winken.

Grünt dort zn jeder Frist ein Apfelbaum.

„Is; von der Frucht!" beginnt der finstre Ritter,
Indes sein Aug' des Jünglings Blick bewacht.

„„Wohl ist sie rot — doch ist sie nicht zu bitter?

Ein Apfelbaum hat alles Leid gebracht.""

Der Reiter biß die Zähne hell zusammen
And lachte gellend, daß der Berg erscholl.

And eine Schlange schoß mit grünen Flammen

Vom Zweig ... der Jüngling starrte schreckensvoll.

„Wie? hast du Furcht", erscholl's mit hohlem Klange,
„Vor Beelzebub, vom Blitze hingestreckt.

Vorm Baum der Bibel, vor der alten Schlange?

Ein Kind nur wird durch solchen Wahn erschreckt!

Am zu benutzen deine Erdengaben,

Am Macht zu kaufen und um Mensch zu sein.

Mußt du des Wissens Frucht gekostet haben —

Seit Ada», biß ein jeder noch hinein."

„Sieh, jeder drunten flieht des andern Stelle
And müht sich ab um schnöden Geizes Sold,

Ein jeder lebt in seiner trüben Zelle

And zählt sein Korn, sein Silber und sein Gold.

Willst du ihr Blut, die Früchte ihres Strebens,

So laß geteilt der Menschenwelt Revier,

And folgen wird dir jede Lust des Lebens —

Nimm schnell ein altes Herrschaftszepter dir!"

„„Ihr werdet nimmer diese Welt behalten!""

Sprach drauf der Jüngling, und — ein ernst Symbol —
Ließ er die Weltenkarte sich entfalten.

And „„Liebet euch!"" schrieb er auf ihren Pol.

Zum bleichen Nebel ward die schwarze Mähre,

Vom Blitz getroffen sank der Apfelbaum,

Der Schatten Beelzebubs in weiter Leere

Entschwand, ein Wölkchen, in der Lüfte Raum.

Die Erde sprengt der Knechtschaft Spuren
In Siegen sonder Zahl,

Vernichtet wird der Sünde Qual!

And segnend spricht Natur in Wald und Fluren
Der Liebe Wort zu allen Kreaturen

Von Berg zu Berg, von Tal zu Tal.

Konstantin Meunier.

'Als jüngster Sohn einer armen, kinder-
reichen Familie wurde Konstantin Meunier
1831 in einer Vorstadt Brüssels geboren. Sein
ältester Bruder unterrichtete den Knaben im
Zeichnen, dann gab >»a» ihn als Handlanger,
der zugleich die Ofen heizen und Laufburschen-
dienste verrichten mußte, in das Atelier eines
Bildhauers, wo der junge Kunstbeflissene ein
paar plastische Kleinigkeiten im Geschmack der
damals herrschenden, von der Antike beein-
flußte» Mode fertigstellte. Nach drei Mahren
gab er die Bildhauerei auf und wurde Maler.
'Aber diese Tätigkeit trug ihm keine Lorbeeren
ein, und schon hatte er das fünfte Jahrzent
seines Lebens vollendet, als er endlich den
Pfad beschritt, der ihn zur Unsterblichkeit
führen sollte. Ans Anregung seines Freundes
Lemonnier siedelte Meunier in den belgischen
Bergwerks- und Jndustriebezirk von Charle-
roi über. Hier lernte er in eifrigem Studium
das Leben der Arbeiter kennen, und hier ent-
wickelte sich nun seine Kunst, die bisher an
der etwas faden Süßlichkeit der belgischen
Schule gekrankt halte, zn der für ihn charakte-
ristischen strengen Herbheit. Der weichliche
Farbenschlenuner ivnrde zum Meister der

Konstantin Meunier.

großzügigen Linie, der düstere Stimmung?-
bilder aus dein belgische» Kohlenrevier mit
seinen ragende» Essen, seiner rußgeschwänger-
ten Atmosphäre und seinem schwarze» Wüsten-
land in schlichte und eindrucksvolle Konturen
zrr banne» wußte. Und bald erkannte er, daß
für seine nunmehr gefestigte Individualität die
Malerei nicht das geeignete Ausdrucksmittel
rvar. 'Als Sechsundfünfzigjähriger sattelte er
zum zweitenmal um und ivnrde Bildhauer-
Ans dein Koloristen war der Linienkünstler
geworden, und die Linie eriveiterte sich nuii
zur plastischen Form. Die Eindrücke imb Er-
fahrungen, die Meunier unter den Proleta-
riern des Borinage, den schiveißbedeckte» und
kohlengeschwärzten 'Arbeitern der belgischen
Zndustriebezirke gesainmelt hatte, ivaren und
blieben seiner Phantasie eine unerschöpfliche
Fundgrube. Nachdem er einnial den rechten
Weg gefunden hatte, entstand unter seinen
Händen i» rastloser, von wachsendem Erfolge
gekrönlerÄrbeit jene schier unübersehbareFülle
von Bronzewcrken, ivelche Bergleute, Holz-
hauer, Steiuarbeiter, Glasbläser, Haminer-
schniiede, Erzträger usiv. darstellten. Und das
Stoffgebiet erweiterte sich,freilich immer inner-
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