Wölfflin, Heinrich
Gedanken zur Kunstgeschichte: Gedrucktes und Ungedrucktes — Basel, 1941

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GEDANKEN ZUR KUNSTGESCHICHTE

können? Und weiterhin: Künstlerische Qualität - mit welchen Maßstäben soll
sie gemessen werden? Eine kunstgeschichtliche Analyse kann doch aber an dem
Wertproblem unmöglich Vorbeigehen. Usw.

Unter dem Druck solcher allgemeiner Fragen ist jenes Buch ungeschrieben
geblieben und der erste Plan steht gewissermaßen noch als letzter mir vor Augen.

Das «Allgemeine» hat in meiner gesamten Arbeit offensichtlich die Vorhand
gehabt. In der Einzelforschung habe ich wenig geleistet, möchte mich aber
doch gegen die Vorstellung wehren, daß das Interesse für das Einzelne unter
dem Interesse für das Allgemeine gelitten habe oder gar verdrängt worden sei.
Wenn es immer meine Überzeugung war, daß die Kunst nur im Einzelwerk
sichtbar werden könne und nicht in einem Begrifflich-Allgemeinen wie Stil
und dergleichen, so habe ich es auch im Unterricht an der Hingabe an das
Einzelne nicht fehlen lassen. Es ist vorgekommen (in München), daß ich in
zweistündigen Übungen ein ganzes Semester lang über ein einziges Bild der
Pinakothek, Peruginos «Erscheinung der Maria vor dem hl. Bernhard», habe
arbeiten lassen. (Der jetzige Direktor der Galerie kann es bestätigen.) Von den
Ergebnissen jener Besprechungen ist allerdings nur eine einzige kurze Notiz in
den Katalog der Pinakothek übergegangen, die Datierung betreffend.

Immerhin muß ich zugeben, daß die Einseitigkeit in meiner schriftstelleri-
schen Produktion mit einer Einseitigkeit in meiner Natur Zusammenhängen
wird. Das haben andere wohl bemerkt und die etwas schroffe These in meinen
«Grundbegriffen»: daß die kunsthistorische Arbeit, wenn einmal das ganze
Material nach Namen und Datum festgelegt sei, damit noch nicht erledigt
wäre, sondern dann erst eigentlich anfinge, ist mir von gewissen Seiten gründ-
lich übelgenommen worden.

Noch ein anderes Mißtrauen ist vorhanden oder wenigstens früher vorhan-
den gewesen: daß meine Anteilnahme an der Kunst zu sehr durch Italien und
das Klassische bedingt sei. Man hätte zwar erwarten dürfen, daß die exklusiv
scheinenden Wertsetzungen meiner «Klassischen Kunst» durch das Dürerbuch
ausgeglichen worden wären, allein noch in diesem «Dürer» wollte man finden,
das Südliche sei überbetont. Es ist wahr, der Kunstmagnet in mir hat anfänglich
nach dem Süden gewiesen, aber dann ist eine Wendung eingetreten und das
Italienische ist mir immer italienischer, das heißt fremder vorgekommen. Un-
beschadet der Bewunderung für das, was italienische Kunst ist, hat der natio-
nale Gegensatz sich mir fortschreitend klarer abgezeichnet und ich habe in
einem Buch über «Italien und wir» davon Rechenschaft zu geben versucht.
Wichtiger aber als den Gegensatz aufzuweisen, möchte es sein, die Frage zu
beantworten: warum trotz allem Italien und das Klassische (was streckenweise
identisch ist) soviel für die deutsche Phantasie hat bedeuten können und noch
bedeutet. Es gibt auch ein «Klassisches», das nicht am Boden Italiens haftet.

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