Wolf, Max
Die Milchstrasse und die kosmischen Nebel: 16 Lichtdrucke nach Himmelsphotographien mit erläuterndem Text — Potsdam, 1925

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ZUR EINFÜHRUNG
Unter allen Bildern, die die Natur dem Menschen vor Augen stellt, ist nichts Großartigeres und wenig
gleich Schönes wie der Anblick der Milchstraße. Freilich kennen ihn nicht Viele. Die Nächte im Jahr,
in denen er sich uns in eindrucksvoller Klarheit darbietet, sind nicht zahlreich, und der Mensch der
Zivilisation begräbt sich in den Maulwurfshügeln und dem künstlichen Licht seiner Städte, so daß er
kaum noch weiß, welches der wahre Anblick des besternten Himmels ist. Um die Milchstraße zu be-
trachten, muß der Bewohner mittlerer nördlicher Breiten mondlichtsreie, klare Nächte des Spätsom-
mers oder Frühherbstes wählen. Dann erhebt sich das zarte, unbeschreiblich gestaltreiche Lichtband
hoch über seinen Horizont, und je länger das Auge auf ihm verweilt, desto mannigsaltiger werden die
Formen und Lichtabstufungen und desto beredter tritt im Schweigen der Nacht das Geheimnis der
leuchtenden Raumgründe an den Menschen heran, die im Anblick der Milchstraße auch der ahnt, der
von ihrer wahren Natur nichts weiß. Wer sich aber zugleich anschaulich dessen bewußt ist, was die
jüngste Vergangenheit, als Ergebnis jahrtausendelangen Erkenntnisbemühens, vom Wesen der Milch-
straße enthüllt hat, wer in ihr die in alle Tiesen des Unbegrenzten sich schichtenden Scharen von
Weltenwolken aus Millionen und Aber-Millionen Sonneneinsamkeiten mit dem inneren Auge sieht —
dem mag der Anblick der Milchstraße wohl noch mehr werden als die Verkündung von Schönheit
und Geheimnis, nämlich das höchste im Sinnlichen erscheinende Gleichnis dasür, daß über allem wirren
Schicksal Harmonie als letzte Bestimmung steht. So wird die Milchstraße zu einem kosmischen Bogen
des Friedens, zu einem stillen, allen Schmerz überwindenden Lächeln im Angesicht der Welt. —
Was ist die Natur der Milchstraße ? Eine erste, genäherte Vorstellung davon konnte sich erst entwickeln,
nachdem die Sonnennatur der Fixsterne erkannt war. Es hat schon in der antiken Welt einzelne groß
geartete Geister gegeben, die sich zu der Anschauung erhoben: jeder Stern sei eine Sonne, unsere
Sonne sei, aus Sternserne betrachtet, nichts anderes als ein Stern unter Sternen; die Milchstraße sei
der vereinte Schimmer von in größten Fernen hintereinander geschichteten Sternscharen. Aber auch
nachdem Kopernikus die Einsicht in die Sonnennatur der Sterne und die Sternnatur der Sonne sür das
Bewußtsein Vieler reif gemacht hatte, ließ der Nachweis durch astronomische Messung noch Jahr-
hunderte auf sich warten. Die erste Bestimmung eines Fixsternabstandes glückte in den dreißiger
Jahren des 19. Jahrhunderts. Zu einer gesichertenVorstellung von der Größenordnung der Milchstraße
war hiermit aber noch so gut wie nichts gewonnen. Dazu führten erst jüngste Ergebnisse der im letzten
Drittel des 19. Jahrhunderts begonnenen Anwendung der Spektralanalyse aus die Lehre von der phy-
sischen Natur der Gestirne. Entsernungsbestimmungen sür Milchstraßenteile, die über den Rang bloßer
Schätzungen hinausgehen und als erste, freilich aus Umwegen gewonnene Messungen gelten dürsen,
lieferte erst das letzte Jahrzehnt.
Die Zeit des Kopernikus und Keplers war zu stark mit der Anwendung der neuen Einsichten aus das
Planetensystem der Sonne beschäftigt und war bei der Betrachtung der Fixsterne durch das nach-
wirkende Gewicht der Anschauungssormen gehemmt, die die vorangegangenen Jahrtausende be-
herrscht hatten, dazu war die bis dahin gewonnene Ausbildung der Geräte und Methoden zu astro-
nomischen Messungen noch völlig unzulänglich für die Feststellung der seinen Verschiebungen, aus
denen allein Fixsternentfernungen unmittelbar bestimmt werden können; es blieb also zunächst bei
unsicheren und ungeklärten Vorstellungen über den Ausbau der Fixstern weit. Bis zur Mitte des 18.
Jahrhunderts bildete sich aber doch schon deutlich diejenige allgemeine Vorstellung aus, aus Grund
deren nach und nach die Aushellung des Milchstraßenrätsels gelang. Man kann diese Vorstellung am
einsachsten so ausdrücken: Der Milchstraße kommt im Bereich des sichtbaren Weltganzen eine ähn-
liche Bedeutung zu, wie innerhalb des Planetensystems dem Tierkreis. So wie die ältere Zeit im Tier-
kreis die anschauliche Darstellung von Bau und Gesetzen der Welt zu sehen glaubte, so die neue Zeit
im Anblick der Milchstraße.
Was ist der Tierkreis? Man betrachte den Lauf des Mondes. Schon während weniger Stunden eines
Abends rückt der Mond unter den unveränderlichen Sternbildern unseres Himmels merklich weiter.
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