Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 17.1924

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258 BEMERKUNGEN.

In seiner Besprechung läßt Schmarsow ein paarmal durchblicken, daß er eine
Erwähnung seiner eigenen Schriften vermisse. Sowohl in meinem Buch wie in den
»Beiträgen« habe ich an wichtigen Stellen auf die Arbeiten des Leipziger Gelehrten
aufmerksam gemacht. Daß dies nicht öfters geschah, ist nur daraus zu erklären,
daß mir die betreffenden Schriften Schmarsows nicht bekannt oder gegenwärtig
waren, oder auch, daß es nicht möglich gewesen wäre, sie ohne kritische Stellung-
nahme zu erwähnen. In anderen Fällen wieder handelt es sich um allgemein ver-
breitete Gedanken; so wurde die selbständige geistige Bedeutung der germanischen
Tierornamentik schon von einer ganzen Reihe von Forschern erkannt. Daß auch
Schmarsow eine Einteilung der vorhistorischen Kunstentwicklung in Perioden und
Phasen vorschlägt, war mir unbekannt. Aber diese Einteilung in Perioden verstand
sich, nachdem das »Dreiperiodensystem«: der Archäologen längst ausgebildet war,
eigentlich wohl von selbst, während die Unterscheidung von Stilphasen dem modernen
Kunstforscher geläufig ist. Daß Schmarsows grundlegende Arbeiten zum großen
Schaden der Wissenschaft noch immer nicht die gebührende Berücksichtigung finden,
dessen bin auch ich überzeugt. Doch sei es dem Jüngeren gestattet, die Vermutung
auszusprechen, daß auch hier wenigstens ein Teil der Schuld bei der Methode liegt,
die nur zu leicht von der subjektiv-gefühlsmäßigen Einstellung zu einer subjektiv-
gefühlsmäßigen Darstellung schreitet und dadurch die gegenseitige Verständigung
erschwert.

Über das System der Künste.

Von
Leo Adler.

Über Sinn und Bedeutung eines Systems der Künste gibt es wohl so viele ver-
schiedene Auffassungen wie es ästhetische Lehrgebäude gibt. Von den einen für
nutzlos erklärt, wird das gleiche Problem von anderen als hochbedeutsam angesehen.
In dieser Zeitschrift hat (Bd. XV, Heft 4, S.456 ff.) J. J. de Urries y Azara die Frage
eingehend behandelt und die hierauf bezügliche Literatur erörtert. Es erübrigt sich
somit wohl, abermals hierauf einzugehen, und der nachstehend mitgeteilte Versuch
mag für sich selbst sprechen. Bemerkt sei lediglich, daß er im Zusammenhang mit
Forschungen über das Wesen der Architektur entstanden ist, die den Verfasser, einen
praktisch tätigen Architekten, seit langem beschäftigen.

Wir wollen davon ausgehen, daß in aller bildenden Kunst die Entstehung des
Kunstwerks nur unter Verwendung von Werkzeugen möglich ist. Das Werkzeug
aber, diese intellektuelle Organprojektion, ist dem Menschen wesenseigentümlich (wenn
es auch im Bereich der höheren Tierwelt geringe Vorläufer hat), ebenso wie die will-
kürliche Erzeugung des Feuers. Dieser Gesichtspunkt nun, der des Mittels oder
Werkzeuges, ergibt ein bemerkenswertes Einteilungsprinzip der Kunst, ein System,
das von dem althergebrachten der imitativen (objektiven) und abstrakten (subjektiven)
Künste wesentlich abweicht, dagegen sich bemerkenswerterweise mit der Einteilung
»bildende« und »musische« Künste deckt. Vom Gesichtspunkt des Werkzeugs aus
sind die Künste nämlich einzuteilen in mittelbare und unmittelbare. Zu diesen
zählen wir alle ohne organprojizierende Mittel, d. h. Werkzeuge, hervorgebrachten
Künste, also vornehmlich Mimik, Tonkunst, Dichtkunst, während die Gruppe
der mittelbaren gebildet wird von Baukunst, Bildhauerkunst, Malerei.

Die unmittelbaren Künste bedürfen zu ihrer Erzeugung lediglich des natürlichen
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