Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 17.1924

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432 BESPRECHUNGEN.

zum Leitfossil der Lyrik in der tabuistischen Epoche«. Auf die allgemeinen Dar-
legungen folgen Nachweise über die Abhängigkeit der Metaphernbildung vom Tabu
in einzelnen Kulturkreisen, auf die Betrachtung der einfacheren Formen die Unter-
suchung der »metaphorischen Bildungen komplexen Baues«. Alle diese Formen finden
sich natürlich auf allen höheren Kulturstufen wieder. Hierher gehört: 1. Die meta-
phorische Kettenbildung oder die »fließende Metapher«. Der Abfluß der Vorstel-
lungen kann dabei nach dem Schema der Berührungsassoziation vor sich gehen
(wir denken an die »Variation« in der altgermanischen Poesie). Es kann sich ferner
um logische Assoziation handeln, es kann etwa der Sprung vom Ganzen zum Teil,
vom Teil zum Ganzen oder von einem Teil zum anderen gewagt werden; hier wur-
zelt das homerische Gleichnis, das nur einTertium kennt, das aber seinen Gegen-
stand nach Erledigung der Hauptfunktion noch mit großer Liebe weiter ausmalt,
ohne daß dabei die ursprünglich angeschlagene Stimmungsnote durchgehalten werden
müßte. 2. Die verdichtende Metaphorik, die schon im dinghaften Gleichnis vorwiegt;
sie ist aufs nächste verwandt mit dem Anfangszauber: wenn ich einen Pfeil in der
Richtung abschieße, in der mein Gegner wohnt, so deute ich damit eine todbringende
Kraft und zugleich den Weg an, den sie weiterhin nehmen soll. Die sprachliche
Metapher dieser Art spielt mit mehreren Bedeutungen eines Wortes und lebt nach
in unseren »eigentlichen« Rätseln, die uns eben durch fortwährend wechselnde Ein-
stellung in Verwirrung setzen wollen. Wenn ich im Rätsel vom Ei sage, »es kommt
ein Tönnchen aus Engelland«, so suche ich den Zuhörer einmal in eine Art Wunder-
atmosphäre zu locken (sei es nun, daß er einfach an das fremde und darum phan-
tastische Land oder an ein Land der Engel denkt), und andrerseits spiele ich mit
dem Begriff der »Enge«. 3. Die potenzierte Metaphorik (die Wurzel unserer Hyper-
bel). 4. Die verschiebende Metaphorik, die ein Merkmal eines Komplexteils auf den
anderen überträgt. Sie liegt vor, wenn ich etwa von einem einflußreichen Mann sage,
er habe einen »langen Arm«.

Wir haben in dieser Besprechung gelegentlich darauf hingedeutet, daß die
tabuistische Religiosität wohl nicht die einzige Quelle der »echten Metapher« sein
dürfte und daß sie in ihrer späteren Entwicklung vielfach von Nebenformen beein-
flußt und befruchtet worden ist, die ihr selbst ihre Entstehung verdankten, die sich
aber dann selbständig entwickelt hatten. Es war Werners Aufgabe nicht, den Begriff
des »Ursprungs der Metapher« so weit zu fassen. Ihm kam es vor allem auf die
Durchführung seiner These an, und wir dürfen rühmend anerkennen, daß er zu
ihrer Begründung und zur Veranschaulichung ihrer Bedeutung das heut irgend
Mögliche getan hat. Wir besitzen wenige Bücher, die in so umsichtiger und förder-
licher Weise empirisch-ästhetische und kulturgeschichtliche Betrachtungsweise mit-
einander verbinden.

Hamburg. Robert Petsch.

Der II. Kongreß für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft
muß wegen der noch immer unsicheren wirtschaftlichen Verhältnisse auf den Okto-
ber 1924 verschoben werden. Näheres ist zu erfahren durch Prof. Dessoir, Berlin W,
Speyererstr. 9.

Das Schriftenverzeichnis
kann wegen der Schwierigkeiten in der Beschaffung der ausländischen Literatur erst
im nächsten Band erscheinen.
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