Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 17.1924

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IV.

Musikalische Elementargefühle und
harmonische Gegenständlichkeit.

Von

Fritz Heinrich.

I. Die Bedeutung des Reproduktionsakts als Erfahrungs-
grundlage für die Musikästhetik.

In der Geschichte der Musikästhetik dürfen zwei Richtungen als
vorherrschend bezeichnet werden: die eine, die darauf hinauswill, den
Ausdruck von Gefühlen, oder unbestimmter den Ausdruck »seelischen
Erlebens«, als Inhalt und als Wert der Musik zu erweisen, die andere,
die die Kunst der Töne ins Reich des Metaphysischen emporzuheben
sucht. Eine dritte, objektiv gerichtete Auffassung, eine solche, die
den musikästhetischen Wert in den Tönen selbst und in deren gegen-
ständlicher Erfassung und Wirkung suchte, ist mit einem zu ihrer Zeit
Aufsehen erregenden Erfolge bekanntlich von Eduard Hanslick vertreten
worden, indessen unter dem steigenden Einfluß der Kompositionsweise
und der Theorien Richard Wagners wieder in den Hintergrund gerückt.
Sie gilt heute in weiten Kreisen als etwas Veraltetes, Überwundenes.
Es hat nun den Anschein, als sollte in der allgemeinen Ästhetik die
objektive Methode neuerdings wieder zu größeren Ehren kommen.
Joh. Volkelt z. B. widmet in seinem Buche »das ästhetische Bewußt-
sein« (1920) der objektiven Betrachtungsweise besondere und ein-
dringlichere Erwägungen als in seinem großen »System«. Und so
beobachten wir denn auch auf dem Gebiet der Tonkunst, daß Musiker
und Fachgelehrte wie Aug. Halm, Hans Pfitzner, Hugo Riemann in
ihren musikästhetischen Erörterungen, wenigstens soweit sie das Prin-
zipielle und Grundlegende betreffen, objektiv verfahren.

Der Standpunkt, auf den der vorliegende Aufsatz sich stellt, ist
vornehmlich aus zwei Überzeugungen gewonnen. Zum ersten glaubt
auch sein Verfasser, daß musikästhetische Erörterungen vom Gegen-
ständlichen der Musik auszugehen haben. Wir haben zu allererst die
akustisch wahrgenommenen Töne als Gegebenheiten zu untersuchen,
die der Tonkünstler als zu verwendendes Material vorfindet. Weiter-
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