Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 17.1924

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VIII.

Bewegung als Merkmal des Schönen bei Schiller
und bei neueren Ästhetikern.

Von

Karl Gneiße.

I. Schiller.

In der Abhandlung Über Anmut und Würde lesen wir (GoedekeX, 81):
»Da auch die verfesteten Bewegungen (in Züge übergegangenen
Gebärden) von der Anmut nicht ausgeschlossen sind, so könnte es
den Anschein haben, als ob überhaupt auch die Schönheit der an-
scheinenden oder nachgeahmten Bewegungen (die flammigten oder
geschlängelten Linien) gleichfalls mit dazugerechnet werden müßte,
wie Mendelssohn auch wirklich behauptet. Aber dadurch würde der
Begriff der Anmut zu dem Begriff der Schönheit überhaupt erweitert;
denn alle Schönheit ist zuletzt bloß eine Eigenschaft der
wahren oder anscheinenden (objektiven oder subjektiven)
Bewegung1), wie ich in einer Zergliederung des Schönen zu be-
weisen hoffe. Anmut aber können nur solche Bewegungen zeigen,
die zugleich einer Empfindung entsprechen.«

Schönheit ist nach dieser Stelle eine Eigenschaft der wahren oder
anscheinenden Bewegung, und schon Tomaschek hat (Schiller in
seinem Verhältnis zur Wissenschaft 1862, S. 185) ausgesprochen, daß
hier von Schiller das bejahende und objektive Merkmal des Schönen
angegeben sei, dessen Auffindung er im Briefe an Körner vom 5. Mai 1793
verkündete. Aber Tomaschek bemerkt dazu weiter: »Wie Schiller näher
das Merkmal der Bewegung im Schönen geltend machen wollte, und
wie er das Verhältnis derselben zu seinen früher angegebenen Merk-
malen, der Technik und dem Nichtvonaußenbestimmtsein, auffaßte, die
natürlich keineswegs damit als weggefallen gelten dürften, würde schwer
zu bestimmen sein.« Überweg aber (Schiller als Historiker und
Philosoph 1884, S. 155), dem Berger (Die Entwicklung von Schillers
Ästhetik 1894, S. 161) sich anschließt, meint: wenn »Bewegung« das
positive Merkmal der Schönheit sein solle, so frage es sich sofort

') Bei Schiller nicht gesperrt.

Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. XVII. 21
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