Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 17.1924

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BEMERKUNGEN. ßQ

Neue Ziele der Kunstgeschichte.

Von

Victor Curt Habicht.

Dem Wechsel von impressionistischer Weltanschauung und Wissenschaft zur
expressionistischen ist die Kunstgeschichte, obwohl es hier am ehesten zu erwarten
gewesen wäre, nicht gefolgt. Jedenfalls stehen heute noch maßgebliche Autori-
täten unbedingt auf dem Standpunkt, daß Kunstschaffen und Kunstaufnahme ledig-
lich Angelegenheiten des Sehaktes seien; man erklärt Stilwenden mit Änderungen
des Sehens, letzten Endes kümmert man sich um die metaphysischen Gründe und
Werte im Kunstwerk wenig oder gar nicht. Man hält sich mit unbeirrter Meister-
schaft an die Form, an das materiell Gegebene, sinnlich Faß- und Wahrnehmbare,
und behauptet, verstandesmäßig von diesen Gegebenheiten ausgehend, zu
letzten Ausdeutungen, ja Gesetzen, gelangen zu können.

Diese Art von Kunstgeschichtsbetrachtung ist zu Ende, und nur Toren können
aufbäumen, wenn das liebe Wort vom Ende fällt — »denn Alles, was besteht, ist
wert nur, daß es untergeht«. Auch ist das Neue längst da und erkannt, auf die
Kunst bezogen lautet es: »Das Eigentliche und Wesentliche des Kunstwerkes ist
nicht zu sehen, ist nur zu erleben!« Es ist natürlich Willens- und Geschmacksache,
diese Erkenntnis zuzugeben oder nicht; sie aus dem lebendigen Wollen unserer Zeit
streichen und ohne Rücksicht auf sie trotzdem »zeitgemäß« wissenschaftlich arbeiten
zu wollen, geht allerdings nicht an.

Allein diese Ansicht steht durchaus nicht für sich und sie gewinnt erst Sinn und
richtungweisende Bedeutung durch eine aufs engste mit ihr verknüpfte. Jede Viel-
deutigkeit und Dehnbarkeit des Begriffs Erlebnis, auf das es heute ankommt, wird
scharf beseitigt und das Bekenntnis erst wertvoll von einem neuen metaphysischen
Grunde, einem neuen Seinserleben, her. Man könnte es mit des heiligen Augustin
Worte: »In inferiore homine habität veritas« wenigstens zum Teil kennzeichnen.

Nur die lebendige Bewußtheit von Sein und Wirken höherer Kräfte als der seit-
her zugegebenen — in der materialistischen Weltanschauung grenzenlos verengten —
im All und im Menschen, nur die metaphysische Gewißheit — und gänzlich
anderes als Verstandeserkenntnisse, Phantasie und Gefühlsanteilnahmen, können aus-
reichen, müssen als selbstverständliche Voraussetzung vorhanden sein. Sprechen
wir vom Menschen, so meinen wir den ganzen, den wirklicheren als den sichtbaren;
vom Leben, so gewiß nicht materiellen Mikro- oder Makrokosmos, vom Sein so be-
stimmt nicht das Seh-, Schau-, Hör-, Riech- und Fühlbare allein.

Erleben bedeutet also, auf das Kunstwerk gewendet, gewiß nicht Sehakt, ver-
standesmäßige Zergliederung, Erkennen der Form, Erschließen der Formgebunden-
heit und Ziele, Überschau über zeitgebundene Elementarakte. Alles Kreatürliche,
auch die Form, ist ein Sekundäres, !jede Arbeit ihres logischen Erkennens und Er-
schließen ein Auftakt. Das Primäre und Eigentliche, das zu Suchende, erschließt
sich erst dahinter. Die Aufgabe beginnt, wo man seither geendet. Verstricktbleiben
in der Epiphänomenalerscheinung der Kunst, in der Form, erscheint unzureichend.
Wir sehen in der Kunst keinen Selbstzweck mehr, sie ist, wenigstens im Äußeren,
Wahrnehmbaren, nichts als eine Brücke, eine zwar notwendige, aber nie zu über-
schätzende. Kunst ist keine Angelegenheit der Sinne, des Verstandes, des Genusses
mehr, sie ist — wie W. Blake schon sagte — nichts als ein vorläufiger Er-
lösungsweg.
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