Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 17.1924

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V.

Die reine Form in der Ornamentik aller Künste.

Von
August Seh mar so w.

III. Plastik.

Sandro Botticellis »Dante und Beatrice« unter dem Stern-
himmel geben uns als Paar von Einzelgestalten willkommenen Anlaß,
zunächst das Augenmerk auf die statuarische Kunst zu lenken. Sowie
es nur gelingt, vom Flammenzeltdach über ihren Häuptern abzusehen,
erscheinen sie frei, im unbestimmten Räume, so dicht nebeneinander
aufgestellt, wie zwei Marmorfiguren eines Bildners auf ihrem gemein-
samen Postament, und keine Zutat auf diesem gibt Auskunft, wo wir
den Ort ihres Beisammenstehens zu suchen hätten. Nur die Abhängig-
keit des Dichters von seiner durchgotteten Muse schließt beide Figuren
zu einer Gruppe aneinander, so daß sie in ihrer Richtung und Be-
wegung sich ergänzen; wir könnten sie mit einem elliptischen Umriß
einschließen, aus dem nur die Rechte Beatrices mit ihrer aufwärts-
weisenden Gebärde hervorragen würde, und damit bezeugt sich doch
eine Beziehung über, sie beide hinaus. — Lösen wir die tiefinnerliche
Zugehörigkeit, die der Maler so lebendig zutage fördert, versuchsweise
auf, und bringen etwa Dante zuerst in Frontalansicht auf eine eigene
Basis, so steht der Seher des Paradiso auf dem Höhepunkt seiner
Gesichte vor uns, wie der Glanz des ewigen Lichtes und der Anblick
des letzten Rätsels der Dreieinigkeit ihn blendet und verwirrt, oder
unwillkürlich dazu bringt, den soeben empfangenen Sinneseindruck
vor dem inneren Auge festzuhalten, indem er das menschlich schwache
Sehorgan vor zerstreuendem Andrang schützend mit der Hand bedeckt.
Selbst die vorschreitende Haltung und das nachflatternde Gewand, die
noch vom scharfen Luftstrom auf seinem einsamen Gipfel erzählen,
mögen so im Marmor beharren, als Wahrzeichen des Auserwählten,
dem solch ein Aufstieg zuteil geworden. Es ist eine Bildnisstatue im
historischen Kostüm des seiner Zeit vorangeeilten Geisteshelden. —
Beatrice bleibt, ebenso abgesondert und dem Betrachter des Marmor-
bildes zugekehrt, die Verkörperung einer begeisterten Verkünderin

Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. XVII. 14
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