Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 17.1924

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74 BEMERKUNGEN.

Über die Grenzen zwischen Malerei und Plastik.

Von

Georg Stuhlfauth.

In seinem anregenden Büchlein »Deutsche Kunst« vom Jahre 1915') schreibt
Karl Scheffler zum Eingange des Kapitels »Deutsche Plastik« folgendes: »Es ist,
soweit ich sehen kann, noch niemals kritisch beachtet worden, daß Lessing in seinem
,Laokoon' — der großen Teilen der Deutschen noch heute als ein Katechismus der
Kunst gilt — die Plastik ganz naiv in den Begriff der Malerei einschließt, daß er
in der klassisch schön geschriebenen Abhandlung ,über die Grenzen der Malerei
und Poesie' zwischen Werken der Malerei und Plastik nirgends eigentlich grundsätz-
lich unterscheidet. Hätte ein Rezensent zur Zeit Lessings das Bedenkliche dieser
Gleichsetzung erkannt, so würde er eine höchst witzige Kritik unter dem Titel ,Über
die Grenzen der Malerei und Plastik' haben schreiben können. Ein solcher Kunst-
richter hat sich aber auch in der Folge nicht gefunden.« Diese Sätze sind richtig,
soweit sie sich auf Lessings Abhandlung mit ihrem Sammelbegriff »der Malerei für
alle bildenden Künste überhaupt« (aus der Vorrede, von Scheffler in der Fußnote
S. 48 zitiert) beziehen. Sie sind in bezug auf alles andere unrichtig und überholt,
ehe sie geschrieben waren. Genau 30 Jahre, bevor Scheffler sein Büchlein veröffent-
lichte, war die Untersuchung erschienen, die nicht nur das Verfahren Lessings im
»Laokoon« hinsichtlich der Plastik und ihrer Einordnung in die Malerei ausdrücklich
bemerkt hat, sondern die überdies jene — allerdings nicht witzige, vielmehr wissen-
schaftlich ernste, rein positive — Darstellung des Verhältnisses zwischen Malerei
und Plastik ist, die Scheffler vermißt. Guido Hauck, Professor an der Technischen
Hochschule in Charlottenburg, hatte als derzeitiger Rektor 1885 »die Grenzen
zwischen Malerei und Plastik und die Gesetze des Reliefs« zum
Gegenstande einer Kaiser-Geburtstags-Rede gemacht, und als solche ist sie (mit An-
merkungen) auch gedruckt2). Mir scheint, nicht bloß die Sache, sondern auch die
Rede selbst ist es wert, daß an diese erinnert wird. Und weil angenommen werden
kann, daß nicht nur die Sache interessiert, sondern auch daß nur wenige von der
Lessings »Laokoon« ergänzenden wichtigen Hauckschen Untersuchung wissen, so
sei die Gelegenheit benützt, über letztere nach Inhalt und Ergebnis kurz zu berichten.

Hauck geht aus von der Tatsache, daß bezüglich der Definition des Begriffes
des Malerischen im Relief noch eine Lücke vorhanden, daß es noch nicht unter-
nommen worden ist, für die Malerei und die ihr verwandte Reliefskulptur die Grenzen
so scharf zu ziehen, wie es für die Dichtkunst und die bildende Kunst durch Lessing
geschehen ist. Man hat nun geglaubt, »das charakteristische Merkzeichen der Malerei
in der Farbe zu erblicken, welche der Plastik versagt sein sollte. Bis in die neueste
Zeit galt es als feststehendes Dogma, daß es dem Wesen der auf Darstellung der
abstrakten Gestalt angewiesenen Plastik widerspreche, auch Farbe zu geben, daß
die Plastik dieser Abstraktion bedürfe, um der Phantasie noch Raum für ihre Tätigkeit
zu lassen und was dergleichen Gründe mehr sind«. In Wirklichkeit hat es zu allen
Zeiten neben der farblosen bemalte Plastik gegeben. Also »die Farbe ist nicht das
unterscheidende Merkmal. Wir müssen vielmehr einerseits Grau-in-Grau-Malerei«

') Sammlung von Schriften zur Zeitgeschichte, Bd. 12, Berlin, S. Fischer.
2) Als Aufsatz, d. h. ohne den Hinweis auf den Tagesanlaß am Anfang und am
Ende, ist sie auch erschienen in den Preuß. Jahrbüchern Bd. 56, 1885, S. 1-18.
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