Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 18.1925

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232 BESPRECHUNGEN.

er schließt das Kapitel mit einem wirkungsvollen Zitat aus den »Unpraktischen Apho-
rismen« (über den Schmerz, kein Vaterland zu haben), dem er hinzufügt: »Man muß
sich diesen Satz merken. Er gehört zu denjenigen, die den inneren Zustand einer
ganzen Generation Deutscher beleuchten. Diese Generation ist schwer von zusam-
mengepreßten Wünschen, sie ist ganz geschwellt von Instinkten, die bis jetzt noch
von der internationalen Politik gezügelt werden — und deren Ausbruch Europa zum
Umsturz bringen wird« (S. 378).

Nach einer in die biographische Darstellung eingeflochtenen ausführlichen Wieder-
gabe der ersten theologischen, kunsthistorischen und kritischen Aufsätze (Kap. 8; 9)
beginnt Hesnard, weit ausholend, die Analyse der »Ästhetik« mit einem geschicht-
lichen Rückblick auf die Entwicklung der deutschen Ästhetik bis zu Vischer (Kap. 10).
Die Grundbegriffe der Kritik der Urteilskraft werden verständnisvoll referiert]).
Schiller und Fichte werden nur gestreift; Schelling (und Solger) erfahren eine breitere
Behandlung. Die Bedeutung Schillers für die deutsche Ästhetik nicht nur, sondern
für die deutsche Philosophie überhaupt, ist Hesnard entgangen, was nicht zu ver-
wundern ist, da sie auch deutschen Forschern so lange verborgen blieb. Schiller
ist gerade nicht beim Dualismus stehen geblieben (S. 206); sein kühner Versuch,
eine wahrhafte Synthese zu finden, macht ihn zum Vorläufer Hegels. In Vischers
Ästhetik ist denn auch der klassisch-synthetische Geist Schillers viel mächtiger als
der romantische Schellings und Solgers. — In dem Abschnitt über Hegel betont
Hesnard mit Recht die in Zeit und Raum konkrete Idee als Ausgangspunkt der Ästhetik
(S. 217 ff.). Eine Darstellung der Hegelschen Ästhetik in der Art, daß das Hervor-
gehen der Vischerschen aus ihr begreiflich würde, kann man von ihm, bei dem Fehlen
der Vorarbeiten dafür auf deutscher Seite, nicht verlangen. Offenbar ist es dem fran-
zösischen Forscher beim Lesen der Hegelschen Ästhetik etwas heiß geworden. Er
bricht mitten in der Wiedergabe des ersten Bandes ab (S. 222) und geht zu Vischer
über. Ganze sechs Kapitel sind der Ästhetik nur bis zur Kunstlehre gewidmet (Kap. 11
bis 16). Hesnard begreift das große Werk als das Kind der Epoche; es bedeutet
die Synthese. Leider steht seiner Wirkung die akademisch-professorale Form im Wege.
Um den sibyllinischen Lehrsatz des Paragraphen zu verstehen, muß man zuerst immer
den Kommentar lesen, der dahinter steht. Glücklicherweise — ich führe die folgende
Stelle als bezeichnend für Hesnards Darstellungsweise ganz an — ist dieser Doktrinär
auch Künstler. »In einem Augenblick, wo wir am wenigsten daran denken, werden
wir überrascht durch irgend ein schlagendes Beispiel, das der ägyptischen Kunst, der
hebräischen Poesie, der griechischen Tragödie, dem Roman Jean Pauls entnommen
ist; wir sind entzückt von einer frischen künstlerischen Anschauung, angenehm unter-
halten von irgend einem Einfall, in Erstaunen gesetzt durch einen gewagten Ausblick.
Das sind die Belohnungen, die der geduldige Leser erhält. Von diesem verteufelten
Menschen hat man immer etwas, und selbst unter der gewollten Trockenheit seines
Dogmatismus gewahrt man fast stets das zitternde Leben seiner Nerven« (S. 194 f.).

Das erste bezeichnende Merkmal der Vischerschen Ästhetik ist der rasche Fort-
schritt von der Idee überhaupt zu den bestimmten Ideen. Hesnard faßt diesen Fort-
schritt mit Recht als eine gut Hegeische Tat auf. Der Realist Vischer vollendet, was der
allzu idealistische Hegel, seinem eigenen System untreu, versäumt hat (S. 226 f., 230).
Eine der hervorstechendsten Eigenschaften seiner geistigen Konstitution ist das Be-
dürfnis, die Dinge zu sehen, sich die »Augen mit ihnen anzufüllen« (S. 232). Diese

') Die Stelle des § 43 der Kritik der Urteilskraft über den Instinkt in Zusam-
menhang mit der Idee des anschauenden Verstandes zu bringen, wie Hesnard
S. 197 f. tut, ist nicht erlaubt.
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