Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 18.1925

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Besprechungen.

O. Hesnard, Fr. Th. Vis eher. CoIIeciion historique des grands philosophes.
Paris. Librairie Felix Alcan. 1921. 8°. VI und 510 Seiten.
Der Verfasser dieser auf zwei Bände berechneten Gesamtdarstellung Fr. Th. Vi-
schers erblickt in dem großen Schwaben den Repräsentanten einer Epoche, für welche
die Franzosen von jeher das größte Interesse gehabt haben. Der Übergang vom
Deutschland der Klassik und Romantik zum Deutschland nach 1870 hat die denken-
den Köpfe Frankreichs viel beschäftigt. Hesnards Buch ist der erste, gut vorbereitete
Versuch, das Problem einmal gründlich historisch zu behandeln, nachdem Behaup-
tungen und Theorien genug darüber aufgestellt worden sind. Zweifellos hat dem
Verfasser auch die Bewunderung für die deutsche Ästhetik die Feder geführt. Das
Hauptinteresse fällt jedoch Fr. Th. Vischer als kulturhistorischer, kulturpolitischer
Gesamterscheinung zu. Neben der historisch-politischen und der ästhetischen Linie
läuft als dritte die psychologische her. Hesnard hat viel menschliches Verständnis
und eine gewisse Wärme für seinen Helden übrig. Die Psychologie und die Dar-
stellung der Lebensumstände Vischers ist ihm ausgezeichnet gelungen. Dieser Teil
seines Buches wird auch für deutsche Leser seinen Wert behalten.

Die politisch-historische Bedeutung Vischers ist im Vorwort folgendermaßen
gekennzeichnet. »Auf den bemerkenswertesten Seiten seiner Aufsätze und seiner
Ästhetik sieht man deutlich, wie das Deutschland Goethes dasjenige Hegels und
Bismarcks wird, man sieht, wie sich Süddeutschland, unter zahllosen Kämpfen, zö-
gernd, widerstrebend, sich aufbäumend und revoltierend schließlich zur preußischen
Idee bekehren läßt ... Es gibt wenige deutsche Schriftsteller, die uns ebenso gut
über die noch im Dunkel liegenden Anfänge belehren, aus denen das Deutschland
Wilhelms II. hervorgegangen ist« (S. II). Vischer erwacht zu innerem Leben in der
Zeit, da das Deutschland der Spätromantik sich zum modernen Industriestaat zu
wandeln beginnt. Die Romantiker hatten vor dem Leben der Gegenwart versagt,
sie waren vor seinen Häßlichkeiten davongelaufen. Vischer sucht sie als guter
Heo-elianer zu begreifen und zu überwinden. Die Verhäßlichung des Lebens, die
er um sich gewahrt, ist für ihn ein durch die logische Entwicklung gewolltes Mo-
ment der Geschichte. Er zieht aus dem idealistischen Pantheismus harte Konse-
quenzen. Seine Scliriften sind das Denkmal eines antiromantischen Realismus. »Ein
Historiker darf die imponierende Gesamtheit dieser Schriften nicht übersehen, in denen
sich ein Deutschland widerspiegelt, das, halb losgelöst von der romantischen Ideo-
logie, dürstend nach Wirklichkeiten, Verwirklichungen, mit allen seinen, ihm
selber noch unbewußten Kräften nach der positiven Befriedigung der ,WeItmacht'
strebt« (S. IV f.). Mit Nachdruck wird vom Verfasser das süddeutsche Element in
Vischer unterstrichen. In dem politischen Kapitel des Buches schildert er ausführlich
den inneren Zwiespalt, in den Vischer geriet, als es sich darum handelte, zwischen
den Möglichkeiten eines erblichen preußischen Kaisertums und einer Vorherrschaft
Österreichs zu wählen. Er läßt den Satz gesperrt drucken, in welchem Vischer von
dem starken Manne spricht, der die Einheit durch Gewalt herbeiführen werde und
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