Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 18.1925

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XII.

Verlust und Wiederkehr der künstlerischen
Farbenausdrucksfähigkeit während einer akuten

Geistesstörung.

Von
Georg Herrmann.

In der folgenden Studie soll auf Grund einer genau verfolgten
klinischen Beobachtung die Veränderung im Kunstausdruck eines über
den Durchschnitt hinausragenden Künstlers besprochen werden. Es
handelt sich um den speziellen Fall einer verminderten Farbenaus-
drucksfähigkeit während eines akuten Schubes einer progressiven
Paralyse. Die Besprechung dieser Beobachtung fällt zum größten Teil
aus dem Rahmen der Psychiatrie heraus. Die Schwierigkeit der Er-
fassung ästhetischer Probleme und die subjektive Wandelbarkeit künst-
lerischen Ausdrucks zwingen mich zur Beschränkung auf die durch
die Beobachtung festgestellte Tatsache.

Ich glaube aber mit dieser kurzen Mitteilung einerseits Anregung
zur Betrachtung über die Ausdrucksformen als solche zu geben, die
nicht immer konform sein müssen mit dem Ausdruckswillen, ander-
seits unternehme ich den Versuch, die oft ganz phantastischen An-
schauungen über die Symbolik der Farben — wenigstens in unserem
Falle — auf eine rein physiologische Tatsache zurückzuführen. Die
folgende Skizze unterscheidet sich von den in der Literatur in den
letzten Jahren mehr zur Geltung gekommenen Arbeiten über die Kunst
der Geisteskranken vor allem dadurch, daß es sich in unserem Falle
von Haus aus um einen Künstler handelt, dessen veränderte (vermin-
derte) Ausdrucksfähigkeit durch den Krankheitsprozeß dargelegt werden
soll. Ein weiterer Unterschied ist der, daß in der Literatur meist auf
die Gesamtheit, auf Persönlichkeiten, auf Symbolik usw. ein großer
Wert gelegt wird, während ich mich im vorliegenden auf das aller-
einfachste beschränken will, nämlich auf künstlerische Ausdrucksmittel.

Ich habe nicht die Absicht, eine Pathographie zu schreiben, son-
dern ich will nur an ein Merkmal mich halten, das scharf und deut-
lich beobachtet werden konnte.
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