Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 18.1925

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Besprechungen.

Meyer, Theodor A., Ästhetik. Mit 28 Textabbildungen. Stuttgart, Verlag von
Ferdinand Enke, 1923. 440 S.

Diese Ästhetik verdankt ihre Entstehung Vorlesungen, die der Verfasser an der
Technischen Hochschule in Stuttgart gehalten hat. Es ist nicht unwichtig, die
äußere Veranlassung zu diesem Buche zu kennen, denn es bringt eben diese Ver-
anlassung charakteristisch zum Ausdruck. Bekanntlich kommt die Ästhetik an tech-
nischen Hochschulen und Kunstakademien eigenartigen theoretischen Bedürfnissen
entgegen. Eine Hörerschaft, die sich in künstlerischer Anschauung bewegt und sich
vielleicht in der Fülle dieser Anschauung zu verlieren fürchtet, verlangt nach einer
begrifflichen Klärung und Sicherung, ohne doch letzten Endes von philosophischen
Interessen geleitet zu sein. Diesem Verlangen nach einer gewissermaßen bloß
empirischen Sichtung und Vereinfachung eines unübersehbar reichen Materials
entspricht eine Ästhetik, die den Boden der Empirie eigentlich nie verläßt und die
nur mit Hilfe allgemeiner Generalisationen eine theoretische Überschaubarkeit ihres
Gegenstandes anstrebt. Eine solche Ästhetik gelangt nun besten Falles zu allge-
meinen Räsonnements, die mehr oder weniger geistreich und der Sache adäquat
sein mögen, die aber doch einer an philosophisch-systematischen Gesichtspunkten
orientierten theoretischen Verbindlichkeit und Stringenz entbehren. Als den Ideal-
typus dieser Art von Ästhetik kann man die aus dem Nachlaß von Friedrich Jodl
herausgegebene »Ästhetik der bildenden Künste« (Stuttgart und Berlin 1917) an-
sehen, die ebenfalls aus Vorlesungen an einer Kunstakademie hervorgegangen ist.
Auch das vorliegende Buch verdankt seiner Zugehörigkeit zu dieser empirischen
und gänzlich unphilosophischen Art der Ästhetik die ihm eigenen Vorzüge und
Mängel. Die Vorzüge bestehen in einer schlichten, unprätentiösen Haltung, einer
durch steten Hinweis auf die Anschauung bedingten leichten Verständlichkeit und
schließlich einer wenn auch nur vorläufigen und annäherungsweisen Klärung der
Probleme; die Nachteile dieses methodischen Verfahrens sind weniger in einer
Prinzipienlosigkeit überhaupt als vielmehr in einer völligen philosophisch-systema-
tischen Unorientiertheit hinsichtlich alles Prinzipiellen zu erblicken. Die Folge dieser
Blindheit für die eigentlich philosophische Problematik ist nicht nur eine Reihe von
prinzipiellen Irrtümern, sondern auch der Umstand, daß gerade dort, wo der Ver-
fasser zu wesentlichen Ergebnissen gelangt, diese Ergebnisse eher den Eindruck
erwecken, einem bloßen Zufall verdankt zu sein als einer wohlbegründeten theore-
tischen Überlegung.

So beginnt diese Ästhetik mit wertvollen Einsichten, die aber alle einer eigent-
lichen Begründung entbehren. Ich rechne dahin die rein theoretische Haltung, die
nur verstehen und deuten, aber nicht die Kunst rationalistisch beeinflussen will;
ferner die Tendenz, den Begriff des Schönen so universal zu fassen, daß alle mög-
lichen ästhetischen Gegenstände sich darunter begreifen lassen. Zu den ästhetisch
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