Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 18.1925

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VII.

Über das Verhältnis der Kunstgeschichte zur

Kunsttheorie.

Ein Beitrag zu der Erörterung über die Möglichkeit
„kunstwissenschaftlicher Grundbegriffe".

Von

Erwin Panofsky.

In einer vor mehreren Jahren erschienenen Arbeit1) hat der Ver-
fasser dieses Aufsatzes den Versuch gemacht, den in der gegenwärtigen
Kunstwissenschaft häufig verwendeten, aber nicht immer zutreffend
bestimmten Begriff des »Kunstwollens« (mit welchem Terminus wir
seit Alois Riegl die Summe oder Einheit der in irgend einem künstle-
rischen Phänomen2) sich offenbarenden schöpferischen Kräfte zu be-
zeichnen pflegen) einigermaßen zu klären. Dieser Versuch hatte sich
um den Nachweis bemüht, daß jenes »Kunstwollen«, wenn anders
die Untersuchung nicht einem ärculus vitiosus verfallen solle, nicht
psychologistisch als Wille des Künstlers (oder der Epoche usw.) ge-
deutet werden dürfe, vielmehr nur dann einen möglichen Gegenstand
kunstwissenschaftlicher Erkenntnis darstelle, wenn es nicht als psy-
chologische »Wirklichkeit«, sondern als ein metempirischer Gegenstand
betrachtet werde — als etwas, das als »immanenter Sinn« im künst-
lerischen Phänomene »liegt«. In dieser Eigenschaft — und nur in dieser
Eigenschaft — erschien uns das »Kunstwollen« mit Hilfe a priori gültiger
»Grundbegriffe« faßbar, d. h. also als ein Denkgegenstand, der über-
haupt nicht in einer Wirklichkeitssphäre (auch nicht in der Sphäre
historischer Wirklichkeit) anzutreffen ist, sondern, mit Husserl zu
reden, »eidetischen« Charakter trägt.

Der kritische Teil dieser Ausführungen scheint, soweit uns bisher
Äußerungen zu dem genannten Aufsatz bekannt geworden sind, keinem

') Zeitschr. f. Ästhetik u. allgem. Kunstwissensch. XIV, 1920, S. 320 ff.
■*) Unter der Bezeichnung »künstlerisches Phänomen« oder »künstlerische Er-
scheinung« verstehen wir hier und im folgenden jedes kunstwissenschaftliche Objekt,
das unter dem Gesichtspunkt der Stilkritik als eine Einheit betrachtet werden
kann — sei diese Einheit nun regional (Volksstil), epochal (Zeitstil), oder personal
(Individualstil) begrenzt, oder sei sie nur durch ein einzelnes Kunstwerk repräsentiert.
Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. XVIII 9
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