Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 18.1925

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III.

Zur Analyse von Nietzsches künstlerischem

Schaffen.

Von

Karl Roretz.

Mancherlei Wege führen zu Friedrich Nietzsche — unter ihnen
ist der Pfad, der seine Kunst durchquert, gewiß nicht der schlech-
teste, noch auch der ärmste an Ausblicken in das Wesen dieser un-
geheuren Persönlichkeit.

Viele haben das erkannt. Schon Riehl hat in seinem prächtig-
frischen Nietzsche-Essay dem Künstler Nietzsche einen besonderen
Abschnitt eingeräumt. Eckertz hat »Nietzsche als Künstler« ein fein-
sinniges Büchlein gewidmet. Und auch der neueste Darsteller des
großen Individualisten, Römer, behandelt in seiner gediegenen Schrift
mit Ausführlichkeit und Sorgfalt die künstlerische Frage: um nur einige
der wichtigsten Namen zu nennen.

Haben diese Forscher schon alles gesagt? Es scheint mir nicht
so! Manche interessante psychologische Nuance, manches ästhetische
Detail, mancher emotionelle Hintergrund, manche psychopathische Per-
spektive wurden noch nicht so recht hervorgehoben, noch nicht genau
beschrieben. Vielleicht gelingt es dieser kleinen Studie, einige brauch-
bare Ergänzungen herbeizubringen, wenn auch nur auf dem Umwege
über manches Bekannte, »Allzubekannte«.

Von der künstlerischen Doppelnatur, die Nietzsches Persönlichkeit
umschließt — Musiker und Dichter —soll aber nur die dichte-
rische Hälfte hier näher beschrieben und zergliedert werden: wahr-
haft schöpferisch war er ja nur als Dichter, während er als Komponist
kaum je die Marken eines achtenswerten Dilettantismus überschritten
hat. Nietzsche, der Künstler, ist uns also im folgenden Nietzsche, der
Dichter.

Diese Betrachtung läßt sich kaum besser einleiten als durch eine
kurze Kennzeichnung seiner Ansichten über Literatur und Stil: in seinen
literarischen »Forderungen«, seiner literarischen »Werttafel« gewis-
sermaßen, tritt schon die ganze, imposante Persönlichkeit dieses Dichter-
Denkers vor uns hin!
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