Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 18.1925

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II.
Flauberts Novelle „Un coeur simple".

Von

Karl Groos.

Seit den ersten Anfängen machen sich, wie mir scheint, in den
Künsten drei Prinzipien mit wechselndem Schwergewicht geltend: die
Nachahmung, im Sinne einer (wenn auch noch so freien) Wieder-
gabe der vorgefundenen Wirklichkeit, die Selbstdarstellung, als
der tiefwurzelnde Drang, das Innere des Schaffenden in dem künstle-
rischen Gebilde zum Ausdruck zu bringen, und die Stoffgestaltung,
als eine dem so gegebenen Inhalt angemessene, einheitliche »Struktur«
des Werkes.

Der äußerlichste der drei Faktoren, nämlich die Nachahmung, kann
so stark zurücktreten, daß man in der Ästhetik auch von »nicht-nach-
ahmenden« Künsten gesprochen hat. Jedenfalls ist er nie allein wirksam,
auch nicht in der »naturalistischen« Dichtung. Wenn Zola die Kunst
als ein Stück Natur, gesehen durch ein Temperament, bezeichnete, so
berücksichtigte er außer der Nachahmung auch das Prinzip der Selbst-
darstellung; ebenso Flaubert, wenn er sagte, das Genie sei vielleicht
nichts anderes als die medlation de l'objectif ä travers notre äme1).
Das Prinzip der Stoffgestaltung haben beide Dichter in diesen kurzen
Definitionen nicht besonders herausgehoben, vielleicht, weil es sich für
sie als Künstler von selbst verstand, vielleicht auch darum, weil sie
von einer idealisierenden »Verschönerung« der Wirklichkeit grundsätz-
lich nichts wissen wollten. Diese ist aber auch gar nicht gemeint, wenn
wir von einer dem Stoff angepaßten Struktur des Werkes reden. Eine
solche Formung ist die zentrale und unentbehrliche Voraussetzung,
ohne die weder die Nachahmung noch die Selbstdarstellung als Kunst
bezeichnet werden könnte. Jene wäre für sich allein ein bloßes Spiel,
diese eine formlose Eruption; erst im Gestalten zeigt sich das Können
der Kunst.

In dieser kleinen Studie habe ich mir die Aufgabe gestellt, die
Analyse einer Novelle aus Flauberts reifster Zeit2) so durchzuführen

') Correspondance, IL Serie, S. 372.

-) »Un cceur simple* (1877) ist die erste Erzählung unter den »Trois contes^
Zeitschr. f. Ästhetik u. aller. Kunstwissenschaft. XVIII. 2
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