Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 18.1925

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XVII.

Die romantische Kunstanschauung.

Von
Käte Friedemann.

I. Bedeutung der Kunst.

1. Ästhetische Lebensauffassung.

Man hat es stets der Romantik — sei es im Guten oder Bösen —
nachgesagt, daß ihre gesamte Welt- und Lebensanschauung eine
ästhetische gewesen sei. Nicht wie noch die Klassiker, wollte sie
Kunst und Leben streng von einander trennen, nicht ausschließlich
im Schein waltete für sie das Schöne, sondern in der Natur und im
Menschen, so daß ihr die Grenze zwischen dem »Ideal und dem
Leben« aufgehoben schien. Poesie1) und Philosophie waren ihr stets
mehr, als nur Zerstreuungsmittel für müßige Stunden, sie bildeten
für sie einen notwendigen Teil des Lebens, waren ihr Geist und Seele
der Menschheit2). Ja, die Romantiker gehen sogar so weit, zu be-
haupten, daß alles in der Welt nur um der Poesie willen geschehe3).

Wer geneigt ist, gegen jemanden den Vorwurf des Ästhetentums
zu erheben, der denkt unwillkürlich an einen Menschen, der den Maß-
stab des sinnlich Anziehenden auf alle Lebensgebiete überträgt und
ihnen dadurch Ernst und Würde raubt. In diesem Sinne sind die
Romantiker niemals Ästheten gewesen. Wenn sie den künstlerischen
Maßstab auf das ganze Leben übertrugen, dann durften sie das tun,
weil ihnen die Kunst eine heilige Sache war, ja, weil sie glaubten,
durch sie erst in das wahre Wesen der Welt und aller Dinge ein-
zudringen.

') Hier werden zunächst die Begriffe Kunst und Poesie unterschiedslos neben-
einander gebraucht, weil die Romantiker selbst häufig von der Poesie sprechen, wo
sie ebensogut Kunst sagen könnten. Die Poesie ist ihnen dann der Teil, den sie an
Stelle des Ganzen setzen, vielleicht weil sie die Kunst war, die ihnen selbst am nächsten
lag. Erst später, wenn von den einzelnen Kunstgattungen die Rede sein wird, soll
die Poesie in ihrem speziellen, nur ihr eigentümlichen Sinne behandelt werden.

2) F. Schlegel, Seine prosaischen Jugendschriften, herausg. v. Minor, Wien 1882,
II, S. 326.

3) Arnim an Brentano, 9. Juli 1802; vgl. A. v. Arnim und die ihm nahe standen,
herausg. v. Reinh. Steig u. Herrn. Grimm. Stuttgart 1894, 1, S. 38.
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