Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 18.1925

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IV.

Zum Schaffen des Künstlers.

Von

Emil Utitz.

Die Erörterung des künstlerischen Schaffens zählt zu den beliebten
Prunkstücken älterer und neuerer Ästhetik. Hier locken den Forscher
weite metaphysische Ausblicke, und es reizt ihn, das geheimnisvolle
Dunkel jenes Erlebens zu lichten, dem die Welt der Kunstwerke ent-
steigt. Gerade die immer wieder betonte Schwierigkeit solchen Unter-
fangens spornt und treibt an. Einfühlende Intuitionen wirken sich in
bunten, farbensatten Schilderungen aus — die noch der warme Atem
unmittelbarer Anteilnahme beseelt — oder es werden die gesamten
Hilfsmittel moderner Psychologie aufgeboten. Aber alle noch so
dankenswerten Funde im einzelnen, alle noch so glücklichen Schau-
ungen, alle noch so gelungene Kasuistik bleiben letzthin Vorarbeit,
solange es an methodisch-systematischer Einheit mangelt. Und die
ganzen metaphysischen, erkenntnistheoretischen, psychologischen Bei-
träge sind eben Leistungen innerhalb dieser Wissenszweige, während
es uns allein darauf ankommt, ihren Gewinn auszuwerten für die
eigentlich kunstphilosophische Problematik. Sie wird verwischt, um-
nebelt, ja bisweilen erdrückt, wenn jene anderen — an sich gewiß
nicht minder berechtigten — Interessen vorherrschen.

Nur in sehr flüchtigem Umriß1) darf ich hier die kunstphilosophi-
sche Frage nach dem Wesen des Künstlers skizzieren: vor uns steht
die ungeheuere einzigartige Objektivität der Kunst, die Fülle der Kunst-
werke. Ihren Sinn, ihre Gegenständlichkeit, ihre Gesetzlichkeit gilt es

') Die folgenden Ausführungen waren ursprünglich für den zweiten Kongreß
für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft bestimmt. Leider mußte dieser Kon-
greß vertagt werden, und der Vortrag fand in der Berliner Ortsgruppe der Kant-
gesellschaft statt am 29. Februar 1924. Über das Schaffen des Künstlers habe ich
mich bereits im zehnten Bande unserer Zeitschrift ausgesprochen, und noch ein-
gehender im zweiten Teil meiner »Grundlegung der allgemeinen Kunstwissenschaft«.
Da ich damals ein recht umfassendes empirisches Material ausgebreitet habe, darf
ich wohl heute mich um so strenger auf Kritik und Systematik beschränken. Darum
ist auch in diesem Sinne die Abhandlung dem Vortrage gegenüber erheblich gekürzt.
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