Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 18.1925

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XIV.

Zur Psychologie landläufiger Sprachästhetik.

Von
Emil Cernaj.

Es ist eine kaum zu übersehende Tatsache, daß es vielleicht kein
einziges Volk gibt, welches nicht, zumal in Zeiten nationaler Selbst-
besinnung, fest davon überzeugt wäre, daß seine eigene Sprache, wenn
nicht schon eine der vollkommensten, so doch entschieden eine der
schönsten und innigsten sei. Die Naiven sprechen es offen aus, die
Gebildeten denken sich's und halten bloß aus Scheu vor unangeneh-
men Auseinandersetzungen mit ihrem Urteil hinter dem Berge. Auch
solche gibt's allerdings, welche vor Fremden ihre Muttersprache zu
tadeln pflegen. Aber wie viele tun es bloß deswegen, um als Lohn
für diese Bescheidenheit von ihrem Irrtum überzeugt zu werden!

Einer solchen Selbstgefälligkeit gegenüber kann man aber häufig
genug beobachten, daß die Sprachen anderer Nationen, besonders
wenn das politische Einverständnis mit den letzteren kein gutes ist,
leicht herabgesetzt zu werden pflegen, daß man sie plump und unge-
schlacht nennt, oder ihnen Mangel an Herzlichkeit vorwirft. Allerdings
wird man sich eine gewisse Zurückhaltung im Urteil solchen Sprachen
gegenüber auflegen, welche bereits ihren Wert im Laufe der Geschichte
bewiesen haben. Wo es sich aber um das Idiom einer kleinen Nation
handelt, die in ihrem kulturellen Aufschwung nur noch wenige Tro-
phäen aufzuweisen hat, wird abfälligen Äußerungen oft selbst unter
Gebildeten Tür und Tor geöffnet.

So gefiel sich der nationale Deutsche in Böhmen ehedem recht
oft darin, über die für ihn unaussprechlichen Wörter der tschechischen
Sprache zu spotten. Diese erschien ihm roh, ungelenk, ja schlechterdings
jedweden Reizes bar, und es war mitunter kein Leichtes, ihn wenig-
stens zu einer milden Korrektur seiner Auffassung zu überreden. Um
so überraschender ist es aber, wenn wir bedenken, daß zu der gleichen
Zeit nationaler Spannung auf der anderen Seite Johann Kollär die
»wohlklingende Sprache der mannhaften Slawen« himmelhoch pries.
Es dürfte übrigens von Interesse sein, bei dieser Gelegenheit eines
älteren Kritikers der tschechischen Sprache zu gedenken, des Huma-
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