Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 18.1925

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XI.

Über Gruppierung der Gestalten im Drama.

Von

Kurt Sommer.

Die Gestalten eines Dramas »gruppieren«x) heißt, sie symmetrisch
einander zuordnen und dieseZuordnungen zu einer Einheit, der »Gruppe«,
zusammenfügen. Der Begriff der Gruppe ist also zunächst ein Ord-
nungsbegriff, den wir zu heuristischen Zwecken einführen. Aber, so
müssen wir jetzt fragen, existiert eine solche Ordnung der Gestalten-
welt bloß in dem nachspürenden Sinn des Forschers, oder ist sie im
dramatischen Kunstwerk wirklich vorhanden, wirkt sie im Werdeprozeß
des Dramas als bestimmender Faktor?

So schwierig es nun auch ist, in diesen künstlerischen Werde-
prozeß einzudringen, so kann man in unserem Falle doch mit ziem-
licher Sicherheit eins sagen: daß der Dichter des Dramas sich der
Gruppenordnung seiner Gestalten im allgemeinen nicht klar bewußt
ist2); jedenfalls wüßte ich keine Selbstzeugnisse von Dramatikern zu
nennen, in denen von einer Ansicht des ganzen Gestaltenkreises die
Rede ists). Damit ist aber gegen die Gültigkeit unserer Annahme nichts
gesagt; im Gegenteil, wäre die Gestaltengruppe bereits dem schaffen-
den Dichter bewußt, so hätte die literaturwissenschaftliche Forschung,
deren Gegenstand gerade das »Bewußtmachen des Unbewußten« ist,
hier nichts zu tun. Die Frage muß eben anders gestellt werden: Ist

') Vgl. R. M. Werner, Die Gruppen im Drama = Forschungen zur neueren Lite-
raturgesch., Festgabe für R. Heinzel, Weimar 1898, S. 7—27; B. Seuffert, Beobach-
tungen über dichterische Komposition - Germ. Rom. Monatsschr. I, 599—617: III,
569-584, 617-632.

2) »Bewußt« und »unbewußt« läßt sich freilich im dichterischen Schaffen nicht
so glatt scheiden (vgl. Prescotts Anschauung von dem dämmerhaften Zwischenstreifen,
in dem sich die dichterische Schau vollziehe). Wesentlich ist für uns, daß der scharf-
umrissene Begriff der »Gestaltengruppe« nirgends heraustritt und kein Dichter
mit diesem Begriff operiert.

s) Es gibt freilich eine Gelegenheit, wo der Dichter sich die Gesamtheit der
Personen seines Dramas auf einmal vergegenwärtigen muß: nämlich die Abfassung
des Personenverzeichnisses. Aber hier wird gewöhnlich nach äußeren Ge-
sichtspunkten (Rang, Verwandtschaft) geordnet. Zur Frage der Personenverzeichnisse
vgl. J. Petersen, Schiller und die Bühne, Berlin 1904 (Palästra 32), S. 35—56.

Zeitlehr, f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. XVlII. 20
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