Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 18.1925

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IX.

Zur dichterischen Sprachgestaltung.

Von
Friedrich Kainz.

Es ist eine einfache und oft festgestellte Tatsache, daß sich die
Dichtersprache von der Alltagssprache wesentlich unterscheidet. Man
würde diese einleuchtende Wahrheit nicht zu betonen brauchen, wenn
nicht in den letzten Jahrzehnten dichterische Stilrichtungen mit dem
Anspruch aufgetreten wären, die Sprache des realen Lebens ohne irgend
welche Umgestaltung wiedergeben zu können und wiedergegeben zu
haben. Nun ist es den Naturalisten ja tatsächlich öfters gelungen, ihre
Personen so reden zu lassen, wie sie in der Wirklichkeit sprächen,
aber auch ihre Sprachgestaltung stellt — als Ganzes betrachtet —
ein von der Alltagssprache wesentlich Verschiedenes dar. Manche
Dichter einer anderen Richtung, z. B. Stefan George, begeben sich
allen, die Idealität des Dichtwerks ausdrücklich betonenden Wortprunks,
verwenden schlichte, unaufdringliche Worte, und doch — ihre Sprach-
gestalt als Gesamtes unterscheidet sich bedeutsam von der Sprache
des alltäglichen Verkehrs. Ohne auf die Komplizierung der Proble-
matik, wie sie durch die Gestaltungsprinzipien dieser eben erwähnten
Richtungen gegeben ist, Rücksicht zu nehmen, hat man immer von
einer gegenüber der Alltagssprache »gesteigerten« und »gehobenen«
Dichtersprache geredet. Was ist nun unter diesem »Gehobensein«,
dieser »Steigerung« eigentlich zu verstehen? Sehr oft findet man diese
Begriffe als Idealisierung, Verschönerung im Sinn veredelter Ausdrücke,
als Schwung, Wohllaut und Rundung ausgedeutet. Daß das nicht
zur Gänze richtig sein kann, beweist schon die Existenz des konse-
quenten Naturalismus und extremen Realismus, deren Dichtersprache
nicht durch Ausdrucksidealisierung, Eurhythmie und Euphonie ausge-
zeichnet ist, wenngleich sie sich von der Alltagssprache unterscheidet.
Die Steigerung der Dichtersprache ist also damit noch nicht erklärt,
das kann vielmehr nur durch eine psychologische Erfassung geschehen.
Was der Dichtersprache den gehobenen Charakter verleiht, ist das
Streben nach Intensivierung des Eindrucks und Ausdrucks, deren Mittel
und Wege natürlich durch die Iebens- und kunstanschauliche Einstel-
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