Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 18.1925

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Besprechungen.

Das Wesen der deutschen Romantik. Kritische Studien zu ihrer Geschichte
von Georg Stefansky. Herausgegeben mit Unterstützung der Gesellschaft
zur Förderung deutscher Wissenschaft, Kunst und Literatur in Böhmen.
J. B. Metzler'sche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 1923.
Stefanskys Buch hält eine glückliche Mitte zwischen Geschichte und Theorie.
Geschichte wird durch Theorie geklärt, Theorie durch Geschichte erhärtet. Dabei
springt für Geschichte und Theorie eine überraschend große Zahl feiner Bemer-
kungen und geistreicher Sichten heraus. Doch gilt es zunächst, jener Original-
leistung des Buches gerecht zu werden, welche in einer neuen Auffassung über das
Wesen der Romantik gipfelt. Stefansky orientiert die Romantik an der Klassik als
an ihrem Gegensatz. Und er findet: was Klassik und Romantik unterscheidet, ist
nicht zuvörderst ein veränderter Inhalt oder ein verändertes Sachinteresse. Auch
nicht der Unterschied zwischen dominierendem Gefühl und prävalierender Vernunft
kommt in Frage, sondern der klassische und der romantische Mensch repräsentieren
zwei unterschiedliche Typen des Denkens. Der klassische Mensch denkt a-priorisch.
Er bringt ein Ideal, eine Idee von den Dingen mit; und er erhält sich diese Idee
unbeirrt von den Tatsachen, die er denn auch gar nicht sonderlich sucht. Er ist
befriedigt im Besitz seines A-priori. Der Romantiker dagegen ist der beweglichere
Geist, der das von der Klassik ererbte Ideal beständig durch die detaillierte und
spezialisierte Beschäftigung mit den wirklichen Tatsachen modifiziert. Und das unter-
scheidet ihn hinwiederum vom Realisten, den Stefansky leider nicht mehr mit in die
Diskussion zieht. Begnügt sich der Klassiker mit der Idee, die er aller Erfahrung
vorauf faßt, so begnügt sich der Realist mit der Erfahrung, ohne die Idee zunächst
ins Auge zu fassen. Der Romantiker hingegen hat beides. Die allgemeine Idee
besitzt er als Nachfahre der Klassiker, die spezialisierte Einzelbeobachtung als Vor-
gänger des Realisten. Und er setzt die Idee in beständigen Rapport mit seiner
Einzelbeobachtung. Ist der klassische Mensch reiner Idealist, der realistische Mensch
reiner Empirist, so bedeutet der Romantiker die Synthese. Er ist Empirio-Idealist,
deduktiv-induktiv. Und das bringt ihn uns gerade heute nahe. Denn zwar ist seine
Synthese vorerst noch Zwischenglied zwischen klassisch-idealistischer These und
naturalistisch-realistischer Antithese; doch wollen ja auch wir zu einer ähnlichen
Synthese, nur freilich, daß unsere Synthese nicht mehr als Zwischen- sondern als
Endglied hinter Idealismus und Realismus aufleuchtet, da die Zeit ja unterdessen
nicht nur durch den vorromantischen Idealismus, sondern auch durch den nach-
romantischen Realismus hindurchgegangen ist.

Stefansky gipfelt seinen Gedankengang in der knappen Formel: der Klassiker
denkt »von der Idee fort«, der Romantiker denkt »zur Idee hin«. Klassiker und
Romantiker aber ist man nicht durch Wahl oder Überlegung, sondern durch sein
ursprüngliches Wesen. Man gehört von Geburt schon dem klassischen oder roman-
tischen Denktypus an. Es handelt sich nicht um eine willkürlich anwendbare
Methode, sondern um Vererbung und Schicksal. Oder besser: die Methode ist zum
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