Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 18.1925

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Bemerkungen.

Soziologie der Kunst.

Von

Johannes M. Verweyen.

Die kultursoziologische Beleuchtung der Kunst findet ihr mehrfaches Gegen-
stück in der entsprechenden Untersuchung der Wissenschaft.

Wie der erkennende Mensch als Einzelner die Akte des Denkens und Beob-
achtens vollziehen muß, so gebiert auch der künstlerische Gestalter sein Werk aus
der schöpferischen Stille seines eigenen Inneren. Je ursprünglicher die Quellen in
ihm sprudeln, je stärker sie ihr Eigenrecht geltend machen, um so nachdrücklicher
stellen sie ihn auf sich selbst. Einsamkeit ist das Los des nicht oder noch nicht
verstandenen Künstlers.

Bis zur heftigen Spannung kann sich das Verhältnis zwischen dem Künstler
und seiner Zeit steigern. Im Kampfe wider die Geschmacksrichtung des Tages den
eigenen inneren Notwendigkeiten standhaft verbunden bleiben, die Gunst des »Publi-
kums« nicht als obersten Maßstab anerkennen, ist das Kennzeichen des Berufenen.
Trotz aller Widerstände und Verlästerungen in Wort und Bild wurde Richard Wagner
nicht aus seiner Bahn gedrängt. Er ließ, mit seinen eigenen Worten geredet, »die
Frösche quaken« und sprach immer wieder zu seiner Seele: »Straff, straff!« Er
empfand als tiefste Demütigung der Berliner Intendanz, vor Aufführung des Gesamt-
werkes einzelne Teile des »Tannhäuser« als Marschmusik für die Wachparade des
Königs umzuschreiben. Aber solche und ähnliche Widerstände, welche Schwächere
zu Boden geworfen hätten, machten ihn stärker.

Die Verwurzelung des Kunstwerkes in der Individualität des Schöpfers schließt
die Beziehung seines Schaffens zur Gemeinschaft nicht aus, sondern ein. Durch
jeden Künstler flutet der Strom der Überlieferung, mag er seine alte Richtung be-
wahren oder in eine neue gelenkt werden. Dante lernte für sein neues Leben
(vita nuova) von dem »süßen neuen Stil« (dolce stil nuovo) eines Guido Guinicelli
Goethe dankte seit der Straßburger Zeit Herder die Weckung des Sinns für das
Natürliche in allen seinen Erscheinungsformen, für die Urlaute der menschlichen
Seelen aller Zonen. Beethoven entnahm die Themen der ersten Klaviersonaten
seinem Meister Haydn, steigerte dann in selbständiger Entwicklung die Eigenkraft
seiner Tonsprache bis zu den Kühnheiten der Neunten Symphonie, gegen die sich
das Ohr der Zeitgenossen Jahrzehnte lang verschloß.

Die Lehrjahre, mit denen der Werdegang, auch der größten Künstler, anhebt,
vermitteln ihnen einen stärkeren oder geringeren Einfluß der sogenannten Überliefe-
rung, sowohl hinsichtlich des Stoffes als auch der Form. Die Bereitschaft, in der
Schule aller Meister lernend zu verweilen, sich hier das technische Rüstzeug zu
holen, alte Formensprache sich anzueignen, um an ihr und durch sie zur eigenen
neuen sich durchzufinden, dies kennzeichnet den bloßen Dilettanten gegenüber dem
ernsthaft strebenden Künstler.
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