Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 18.1925

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X.

Studien zu Heinrich von Kleist.

Von

Helene Herrmann.

I. Dramatische Gleichnisse.

Von ganz verschiedenen Seiten herkommend, zwei verschiedenen
Gegenständen zugewendet, suchen die folgenden Betrachtungen nur
ein Ziel: dem Menschengefühl Kleists sich zu nähern, d. h. seiner
dramatischen Form. »Drama«, eine Form, genau so vieler Verwand-
lungen fähig wie die Schaffensbewegung, auf der ihr Gesetz ruht; ein
Schaffen, das die Welt als Kampf des Menschen erschaut und sagt.
Kleists Drama nun scheint darin einzig, daß sein Rhythmus fast ganz
begreiflich ist aus den Rhythmen einer einzigen Seele, ungleich dem
Drama Shakespeares und der Antike, die ganz zu verstehen man doch
auch das Menschengefühl einer gesamten Kulturwelt verstehen muß,
in ihren größten Schöpfern gegipfelt.

Wir wollen uns aber hüten, diesen dramatischen Rhythmen mit
einer Formel beikommen zu wollen. Nur eine einzige Linie des reichen
Lineamentes verfolgen wir, wir suchen nur in einer Dramenreihe —
und das übrige Werk Kleists helfe uns nur diese erhellen.

Guiscard, Penthesilea, Hermannsschlacht, Homburg (bis zur Mitte)
haben bei großen Verschiedenheiten der Formgebung doch dies ge-
meinsam: den steilen Anstieg der dramatischen, vom Wesen des Helden
bestimmten Bewegung. »Den lieb' ich, der Unmögliches begehrt.«
Das könnte Kennwort der ganzen Dramenreihe sein, wie es Schicksals-
wort ihres Schöpfers ist. Und nur der Mensch ist Held dieser
Dramen, dessen Lebensbewegung diesem Wort entspricht. Nicht der
zuerst auf breiter Grundfläche wurzelfeste Mensch, dessen Machtwille
über sein Bereich greift und der nun erst den Weltmächten verfällt,
gesteigert von ihnen und gestürzt, nicht der Ruhigstehende, der, den
Anprall der Weltmächte erleidend, Boden behauptet oder fällt — son-
dern einzig der Mensch, der von Anfang an in pfeilgerader Bewegung
ist, von seinem inneren Begehr vorwärts getrieben, auf schmalem Grad,
Abgrund zu beiden Seiten, dem höchsten Ziele nachstürmt, nacht-
wandlerisch sicher, magnetisch nachgezogen.

Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. XVIII. 18
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