Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 18.1925

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XIII.

Expressionismus und Klassizismus.

Von

Ludwig von Bertalanffy.

Man kann es nicht mehr leugnen: jene künstlerische Bewegung,
welche Europas Kunst im letzten Jahrzehnt beherrschte und die unter
dem Titel des Expressionismus sehr verschiedenartige und verschieden-
wertige Erscheinungen zusammenfaßte, geht ihrem Ende zu! Frank-
reich, das ja in den letzten Dekaden tonangebend für die moderne
Malerei war, geht voran. Die neueren klassizierenden Arbeiten von
Picasso, die neuerwachte Ingres-Schwärmerei beweisen das. Deutsch-
land folgt langsam nach (Münchener Schule: Eberz, Scharff, Schin-
nerer), allenthalben scheint sich aus dem Chaos ein Kosmos, aus dem
Expressionismus ein neuer Klassizismus zu gebären.

Man kann das expressionistische Kunstwollen in der Malerei (mit
den Nebenerscheinungen des Kubismus, Dada usw.) am einfachsten
dahin charakterisieren, daß der Ausdruckswert des menschlichen Körpers,
des natürlichen Objektes, der natürlichen Raumform, teilweise oder
ganz ersetzt wird durch den Ausdruckswert der Linie und Farbe an
sich. Die natürliche Form wird ganz oder zum Teile zerstört, auf-
gelöst und zersetzt in ein bloßes Spiel von linearen Kräften und Farben-
akkorden. Der Expressionismus ist gewissermaßen das Experiment,
was die ja in jedem Gemälde mitwirkende Symbolik der Linie und
Farbe in Reinkultur, unter Ausschaltung des Ausdruckswertes natur-
gegebener Formen und Farben zu leisten imstande sei.

Wir müssen sagen: Der Expressionismus hat bewiesen, daß eine
höhere ästhetische Wirkung durch jene isolierte Farben- und Linien-
symbolik nicht erzielt werden kann. Mag sein, daß die expressio-
nistischen Bilder Ausdruck innerer optischer Visionen des Künstlers
sind, während alle impressionistische Kunst (im weitesten Sinne des
Wortes) die äußeren, gegenständlichen optischen Bilder wiedergibt;
aber sicher ist, daß die Vision für die Malerei einfach nicht ausreicht,
sondern bloß das gegenständliche, äußere Bild. Anders gesprochen:
Symbolik ohne Gegenständlichkeit, die »sinnlich sittliche Wirkung der
Farben«, der suggestive Wert der Linie unterstützt den ästhetischen
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