Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 18.1925

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18 KARL GROOS.

daß ich dabei von der aus anderen Beobachtungen gewonnenen Ein-
teilung der in der Kunst waltenden Hauptfaktoren ausgehe, um (wie
bei der Verifikation einer Hypothese) zu prüfen, ob sie sich auch hier
nachweisen lassen und in welcher besonderen Weise sie sich aus-
wirken. Das Ganze ist nur als eine Stichprobe gedacht, die in erster
Linie methodischen Interessen dient*).

A. Das Prinzip der Nachahmung.

Flaubert hat sich zur Wehr gesetzt, wenn man ihn als das Schul-
haupt des französischen Naturalismus bezeichnete. Versteht man unter
naturalistischer Kunst eine einseitige Verwertung des Nachahmungs-
prinzips, so war er mit seinem Einspruch im Recht2). Dennoch muß
manches von den Eigentümlichkeiten des Naturalismus in seiner Dich-
tung hervortreten; sonst ließe sich seine historische Wirkung nicht
erklären. Es wird sich daher fragen, inwiefern das für den hier zu be-
sprechenden Faktor zutrifft.

Wir haben die künstlerische Nachahmung als eine unter Umständen
sehr freie Wiedergabe der vorgefundenen Wirklichkeit bezeichnet. Bei
dem Naturalismus handelt es sich aber um eine möglichst getreue, das
Einzelne berücksichtigende, von Idealisierungen absehende Darstellung.
Nun kann man auf den Begriff der »vorgefundenen Wirklichkeit« die
von Locke stammende Unterscheidung zwischen »Sensation« und
»Reflexion« (äußerer und innerer Wahrnehmung) anwenden. Dann
würde es sich nicht nur um die genaue Nachbildung dessen handeln,
was uns die äußeren Sinne darbieten, sondern auch um eine natur-
getreue (und »direkte«) Schilderung aller Innenzustände der in der
Dichtung auftretenden Personen. Hier ist nun auf die Tatsache hin-
zuweisen, daß Flauberts Sprache das Hauptgewicht auf das in der
»Sensation« Gegebene verlegt, wobei die Eindrücke auf das Auge
und Ohr naturgemäß im Vordergrunde stehen, aber auch die Geruchs-
empfindungen sehr häufig Verwertung finden (was dann im Stil der

die in dem VI. Band der (Euvrcs completes (L. H. May) stehen. In seiner ausge-
zeichneten »Gedächtnisrede auf Gustave Flaubert« (Basel 1921) urteilt C. A. Ber-
noulli, daß diese drei Erzählungen den gedrängtesten Eindruck von dem Geschmack
und der Könnerschaft des Dichters geben.

') Daß ich eine Novelle Flauberts wählte, erklärt sich aus Besprechungen mit
einem rumänischen Doktoranden (Vianu), der sich zuerst mit Flaubert beschäftigen
wollte, dann aber ein anderes Thema vorzog.

') E. Faguet betont die Antithetik realistischer und romantischer Neigungen
in der Seele des Dichters (»Flaubert«, 1899, in der Sammlung »Les grands ecrivains
franfiais*).
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