Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 18.1925

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ZUR ANALYSE VON NIETZSCHES KÜNSTLERISCHEM SCHAFFEN. 47

An die Spitze rückt da wie von selbst seine literarische Grund-
forderung, die Forderung nach frischer Unmittelbarkeit zum literarischen
Werk, nach dem psychischen »Zwange zum Produzieren: »Das Buch«,
so fordert er vom Literaten, »soll nach Feder, Tinte und Schreibtisch
verlangen; aber gewöhnlich« — setzt er ironisch hinzu — »verlangen
Feder, Tinte und Schreibtisch nach dem Buch.« — Oder, noch kraft-
voller formuliert, ertönt seine Forderung: »Schreibe mit Blut, und du
wirst erfahren, daß Blut Geist ist.«

Darum verachtet er auch so unsäglich alles, was ohne jene volle
psychische Resonanz der Gesamtpersönlichkeit geschaffen wird: die
»Bücher«, die nie gelebt haben, »jene Särge und Leichentücher«, zu
denen seine eigenen Produkte in so prachtvollem Kontraste stehen.

Aber auch das einzelne Wort muß leben! »Lebendigem Worte
bin ich gut . ..«, heißt es bezeichnend in dem reizenden Gedichte, das
dann auch den leichenhaften Schauder ausmalt, der von den kalten,
ertöteten Worten herweht. — Gewiß ein literarischer Wertmaßstab
ersten Ranges, dem freilich wieder nur der ganz große Dichter restlos
Genüge zu leisten vermag.

Weiter: die Nuancen des Wortes! Jedes Wort »hat seinen Ge-
ruch«, belehrt er uns. Und seine eigene, erstaunlich scharfe Spürkraft
für die feinsten, strukturellen Eigentümlichkeiten des Wortes umschreibt
der Satz: »Viele Worte haben sich bei mir mit anderen Salzen in-
krustiert und schmecken mir anders auf der Zunge als meinen Lesern.«
— In der Tat hat ein aufmerksamer Leser bei Nietzsche durchaus
diesen Eindruck!

Aber alle Kunst, insbesondere die Sprachkunst, braucht auch so-
zusagen neutralisierende Elemente: »Brot neutralisiert den Geschmack
der Speisen,« — schreibt er —, »wischt ihn weg; deshalb gehört es
zu jeder längeren Mahlzeit. In allen Kunstwerken muß es etwas wie
Brot geben.« — Ein tiefer Satz, der allerdings über einen großen Teil
moderner Kunst, z. B. der modernen Erzählungsliteratur, den Stab
brechen lehrt.

Sehr geistreich ist auch die scharfe Trennung, die Nietzsche zwi-
schen dem »Schreib«- und dem »Sprech«-Stil vornimmt. Das Vorurteil
vieler »Gebildeter«, man könne ohne weiteres, ja etwa gar noch mit
großem Gewinn, die unmittelbaren Redeformen in Schreibeformen über-
gehen lassen, stellt er unbarmherzig an den Pranger: »Ein Gespräch,«
bemerkt er mit Recht, »das in der Wirklichkeit ergötzt, ist, in Schrift
verwandelt, ein Gemälde mit lauter falschen Perspektiven: alles ist zu
lang oder zu kurz.«

Dies etwa Nietzsches wichtigste Gebote für Literaten! — Seinen
eigenen literarischen Stil aber kennzeichnet vornehmlich ein Dop-
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