Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 18.1925

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BEMERKUNGEN. 373

bilden selbst, wo doch die wahre Sachlichkeit darin bestehen müßte, die Normen
und Ideale des zu erforschenden Gebietes als das, was sie sind, zu erkennen, welches
eben ergeben würde, daß Sachlichkeit in logisch-wissenschaftlicher Bedeutung für
das Ästhetische zu postulieren sinnwidrig ist, weil hier die Normierungen von der
Seele und nicht vom Gegenstande ausgehen. Eine gegenständliche Eigengesetz-
lichkeit, die, ur- oder vorbildlich über den Gestalten schwebend, ihnen ihren ästhe-
tischen Sinn verleihen würde und als Rechtsgrund der ästhetischen Geltung anzu-
erkennen wäre, gibt es nicht, und sie fordern ist sinnlos, denn die Tatsache, daß
jedes Kunstwerk in bestimmter Weise erlebt werden will, d. h. eine unter vielen
Bedingungen abgibt, auf Grund welcher das ästhetische Gebilde sich konstituiert,
ist zwar unbestreitbar, aber für das entscheidende Problem der Geltung ohne jede
Bedeutung. Und ebenso gewichtlos ist die Tatsache, daß nicht selten große Künstler
in mannigfacher Form Objektivisten waren, weil diese Tatsache sich ohne weiteres
psychologisch in ihrer Motivierung durchschauen läßt (als die natürliche Nichtberück-
sichtigung der eigenen, konstanten vvertverleihenden Einstellung) und es gerade die
Aufgabe der philosophischen Besinnung sein sollte, die Probleme auf die letzten
jeweils erreichbaren Prinzipien zurückzuführen, welche Zurückführung eben hier,
wie gezeigt wurde, ergeben müßte, daß die etwaige Möglichkeit der Formulierung
objektiver »Strukturen« für die Art der Geltung dieser gar nichts erweist, sondern
daß vielmehr jene Strukturen ihren Sinn ausschließlich der Tatsache verdanken, daß
in ihnen und nur in ihnen gewisse seelische Einstellungen zur ästhetischen Erfül-
lung gelangen. (Dies ließe sich auch durchweg, z. B. an den prächtigen, scheinbar
objektivistisch gemeinten »kunstgeschichtlichen Grundbegriffen« Wölfflins erweisen,
welche ihren Sinn und Wert der Sichtbarmachung desjenigen Wesentlichen an den
Gestalten, was sie eigentlich erst zu solchen macht und in dem gewisse von der
Seele her bestimmten Stilforderungen sich erfüllen, verdanken.)

Alle ästhetischen Versuche, die den Erweis eigengesetzlicher gegenständlicher
Normen, wie immer auch dieselben gefaßt sein mögen, sich zur Aufgabe machen
und in diesem Erweis allein die legitime Rechtfertigung der ästhetischen Geltung
zu erbringen glauben, sind aus dem Bestreben geboren, den Sinn der ästhetischen
Gebilde nach Analogie der logischen zu interpretieren und so die eigenen Normen
und Strukturen des interpretierenden Erkennens dem strukturell sowohl wie normativ
schlechthin verschiedenen in Frage stehenden Gegenstande aufzuzwingen. Alle diese
Versuche wurzeln in der Verwechslung der logischen und der ästhetischen Sphäre ihrem
Sinne und ihrer Geltung nach zugunsten der ersteren und münden unausweichlich
in der theoretischen Verkennung der Eigenart und der Bedeutung der letzteren.
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