Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 4.1909

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XIII.

Improvisation.
Von
Richard M. Meyer.
Über die Rolle, die beim dichterischen Prozeß die Inspiration zu
spielen habe, sind heftige Kämpfe ausgefochten worden; und während
die gelehrten Jahrhunderte vom 15. bis in das 17. hinein die störende
Willkür fast völlig verbannten, um der Ansammlung von Lektüre, der
Befolgung von Regeln, der Nachahmung von Mustern Raum zu
schaffen, ward seit den Stürmern und Drängern »des Dichters Aug’
in holdem Wahnsinn rollend« zum Feldgeschrei. Man hat sich in-
zwischen wohl im ganzen dahin geeinigt, daß ohne den »göttlichen
Funken« keine künstlerische Leistung und ohne Arbeit kein reifes
Kunstwerk möglich sei; aber welcher Anteil beiden Faktoren zukommt,
darüber wogt noch lebhaft der Streit, sowohl soweit es sich um die
Frage de iure wie um die de facto handelt. Gerade in diesen Tagen
ist die Verschiedenheit der Standpunkte wieder grell beleuchtet worden.
Während Richard Dehmel in einem viel beachteten Aufsatz der un-
bewußten Tätigkeit kaum noch irgend Raum läßt, behauptet Oskar
Walzel (in seinen soeben erschienenen anregenden »Hebbelproblemen«),
daß selbst bei einem Poeten, der fast als Typus des Reflexionsdichters
galt, bei Hebbel, die visionäre Produktion die bewußte bei weitem
überwiegt. Die Rollen sind, wie man sieht, vertauscht: der Dichter
plädiert für möglichste Überlegtheit, der Literarhistoriker für weitgehende
Gültigkeit der instinktiven Hervorbringung; und bei beiden entspricht
dies auch ihren Bewertungen: dem einen erscheint die überlegte,
bewußte Arbeit, dem andern die Tätigkeit des inspirierten Sehers als
das Höhere.
Daß die erste Konzeption, das »Apergu« nach Goethes Termino-
logie, als ein nicht weiter zu erklärendes Himmelsgeschenk anzusehen
sei, darüber herrscht wohl Einigkeit. Dann aber sind viele geneigt,
an eine Improvisation zu glauben (die nach dem Erstarren immer noch
bearbeitet werden mag!), andere an ein langsames, mehr oder minder
logisches Entwickeln. Die Frage ist nun doch zunächst, wie weit
solche Verschiedenheiten tatsächlich vorliegen. Zwar daß Gegensätze
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