Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 4.1909

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IMPROVISATION.

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in der Schnelligkeit der Evolution existieren, leugnet kein Mensch;
eben erst hat der Schwede Östergren (»Stilisk Sprakvetenskap«, S. 6)
sie an dem Improvisator Strindberg und der langsamen Arbeiterin
Ernst Ahlgren (vgl. Ellen Key, Drei Frauenschicksale, S. 202, auch
S. 224) in diesem Sinne verglichen. Ob aber tatsächlich nur ein Unter-
schied des Tempos vorliegt oder ein solcher der Art, das ist keines-
wegs so einfach zu beantworten. Denn kaum jemand scheint sich
bis jetzt ernsthaft die Frage vorgelegt zu haben, was denn eigentlich
das Wesen der Improvisation sei.
Zwar einiges ist auch hier allgemein zugestanden, und darunter
ein sehr wichtiger Punkt. Man bezweifelt nicht, daß die Improvisation
eine — bewußte oder unbewußte — Vorbereitung voraussetze. In
ihrem umfangreichen Buche »Storia della Poesia Estemporanea nella
letteratum Italiancu (Rom 1905) geht Adele Vitagliano zwar nirgends
näher auf unsere Frage ein; aber sie gibt doch (S. 173) zu, daß
der Improvisator im Schrein seines Gedächtnisses Sprüche, Kadenzen,
Verbindungsmittel, Gleichnisse vorrätig haben müsse. Im übrigen
gebe es kein Rezept; nur habe ein alter Stegreifdichter ihrer Bekannt-
schaft die Grundregel gegeben, man solle den Gegenstand recht genau
von mehreren Seiten betrachten •— womit denn nicht viel geholfen
sei. Mit den Schilderungen dieser berühmten Rhapsoden, des Perfetti
und des Rossetti, der Corilla Olimpica (die für die »Corinne« der Ma-
dame de Stael Vorbild wurde) und der Giannina Milli, erfahren wir
für unsere Zwecke nicht viel mehr, als daß sie nach der Produktion
wie zerbrochen waren, körperlich und geistig wie zerschlagen (S. 61).
Und wenn Lamartine den letzten berühmten Improvisator, Regaldi
— in dem Carducci alle hohle Verskunst verkörpert hat, die er be-
kämpft — mit sich selbst verglich, so wird man auch in diesen Versen
nicht eben eine deutliche Charakteristik der Stegreifdichtung finden:
Tes vers jaillissent, les miens coulent,
Dieu leur fit uti lit different,
Les miens donnent, et les tiens ronlent,
Je suis le lac, toi le torrent (S. 208).
Daß der gefeierte Franzose die Gelegenheit benützte, an sein be-
rühmtestes Gedicht — Le lac — zu erinnern, ist hier kennzeichnender
als der Gegensatz zwischen der Impetuosität des Improvisators und
der Ruhe des — sagen wir Schreibtischdichters. Doch paßt das Wort
nicht: unter den italienischen Improvisatoren selbst sind kunstmäßigere
und volkstümliche (S. 181 f.) zu unterscheiden, und »Stubenpoeten«
wie Ernst Rittershaus sind bei uns dem Begriff des Improvisators
näher gekommen, als etwa der Bauer und Freiluftdichter Christian
Wagner.
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